Samstag, 3. Oktober 2009

Über die Wirklichkeit: 40 Verse mit Ergänzungsversen

Einführung der Übersetzerin:

Sri Ramana Maharshi schrieb wenig, und das auch nur, wenn andere ihn darum baten. So entstanden diese 40 Verse etwa 1928 auf Drängen von Muruganar hin. Ramana verfasste sie in seiner Muttersprache Tamil und nannte sie Ulladu Narpadu. Ulladu bedeutet, das was ist, was existiert, was wirklich ist und Narpadu bedeutet vierzig. Deshalb kann man übersetzen: Vierzig Verse über die Wirklichkeit oder über das, was ist.

Ramana selbst erzählt folgendes über ihre Entstehungsgeschichte:
»Ich hatte bei verschiedenen Gelegenheiten einzelne Verse gedichtet. Muruganar meinte, man müsse verhindern, dass sie verloren gingen und ich möge noch einige Verse ergänzen, damit es insgesamt 40 Verse werden würden, die man dann unter einem geeigneten Titel veröffentlichen könnte. Ich dichtete, wann immer ich dazu in Stimmung war. Als wir die 40 beisammen hatten, löschte Muruganar einen Vers nach dem anderen aus der ersten Sammlung unter dem Vorwand, sie würden nicht recht zum Thema passen, und bat mich, dafür neue Verse zu schreiben. Als schließlich die 40 wieder voll waren, bemerkte ich, dass sie nur noch zwei Verse aus der ersten Sammlung enthielten und dass ich alles andere neu gedichtet hatte. Ich hatte die Verse nicht geplant und sie nicht fortlaufend und systematisch geschrieben. Ich hatte lediglich bei verschiedenen Anlässen einige Verse gedichtet und Muruganar und andere hatten sie nachträglich in eine thematische Reihenfolge gebracht.«[1]

Es waren etwa 20 Verse, die Muruganar aus der alten Sammlung herausgenommen hatte. Diese wurden als Ergänzung zu den 40 Versen (Ulladu Anubandham) zusammengefügt und später ebenfalls auf 40 Verse erweitert. Sie sind zum Großteil keine eigenen Dichtungen Ramanas, sondern seine Übersetzungen von berühmten Sanskritversen aus dem Yoga Vasishta, von Shankara und aus anderen Werken, die er hilfreich fand.

Die Verse sind lose aneinandergehängt. Zuweilen ergeben einige Verse einen Zusammenhang, dann wieder wechselt unvermittelt das Thema. Der Grund dafür liegt in ihrer Entstehungsgeschichte. Dennoch ergeben sie ein rundes Ganzes der Lehre Ramanas und eignen sich hervorragend dafür, sie immer wieder zu überdenken. ›Wer bin ich?‹ und ›Die Quintessenz der spirituellen Unterweisung‹ (Upadesa Saram) sind weitere Werke Ramanas, die mit diesem Büchlein eng verwoben sind.

Ulladu Narpadu ist ein poetisches Werk im Venba-Mentrum, das Ramana gerne verwendete. Jeder Vers hat 4 Zeilen, wobei die ersten drei Zeilen aus vier und die letzte Zeile aus drei Füßen bestehen. Es ist ein rhythmischer Text, der im Ramanashram regelmäßig rezitiert bzw. gesungen wird.

Als Grundlage meiner Übersetzung habe ich Robert Butlers sehr ausführliche Ausarbeitung aus dem Tamil verwendet, die sowohl Struktur der Sätze als auch Wortbedeutung ausführlich erklärt. Ich habe aber auch andere englische Übersetzungen hinzugezogen wie Lakshmana Sarmas ›Revelation‹, die Übersetzung von Prof. Swaminathan in den ›Collected Works‹ und einige weitere. Als Kommentar dienen Gespräche, die Ramana mit seinen Anhängern und Besuchern führte und in denen er seine Lehre immer wieder erläutert.

Es gibt zwei ältere Übersetzungen ins Deutsche. Die eine stammt von dem Indologen Heinrich Zimmer und ist in seinem Buch ›Der Weg zum Selbst‹ zu finden. Die andere stammt von Lucy Cornelssen (Mata Satyamayi): ›Über das Selbst: Vierzig Verse‹. Es liegt allerdings bislang noch keine deutsche Übertragung der 40 Ergänzungsverse vor.

Nanyar, der Upadesa Saram übersetzt und kommentiert hat, malt abstrakte Bilder. Ich habe mir aus seinem Fundus diese inspirierenden Bilder zusammengesucht, die sich hervorragend in die Vierzig Verse einfügen. Ich danke ihm, dass er mir dafür seine Einwilligung gegeben hat.

Gabriele Ebert

[1] Mudaliar: Day by Day, 7.12.1945

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Der Text der 40 Verse:

Einleitungsverse:

Kann es ein Existenzempfinden geben ohne etwas, das ist? Da diese Wirklichkeit frei von allen Gedanken im Herzen wohnt, wer könnte über sie, die ›das Herz‹ heißt, nachdenken und auf welche Weise? Über sie nachzudenken bedeutet, mit ihr im Herzen eins zu sein.

Reife Menschen, die in großer Todesfurcht leben, nehmen Zuflucht zu Füßen des Höchsten Herrn, der weder Geburt noch Tod kennt. Durch ihre Hingabe werden ihr Ego und ihre Anhaftungen ausgelöscht. Wie können sie, die im Unsterblichen ihre Bleibe gefunden haben und daher tot sind, noch an den Tod denken?

Text:

1. Da wir die Welt wahrnehmen, steht es außer Frage, dass es eine Erste Ursache gibt, eine kreative Energie (Shakti), die sich mannigfach manifestiert. Das Bild, das aus Namen und Formen besteht, der Betrachter, die Leinwand und das Licht, das sie beleuchtet, all das ist das Selbst.

2. Alle Religionen setzen drei Grundlagen voraus: [Gott, Mensch und Welt]. Die Debatte, ob sich eine erste Ursache als diese drei manifestiert oder ob diese drei auch drei verschiedene Dinge sind, dauert an, solange das Ego-Ich besteht. Doch der höchste Zustand ist, im wahren Selbst zu verbleiben, nachdem das Ego-Ich sein Ende gefunden hat.

3. Wozu nützt die Diskussion, ob die Welt wirklich oder lediglich eine unwirkliche Erscheinung ist, ob ihr Bewusstsein eigen ist oder nicht, ob sie Glück oder Leid bedeutet? Der egolose Zustand, der diese dualistischen und nicht-dualistischen Überzeugungen überschreitet, in dem man die Welt lässt und sich selbst durch Ergründung erkennt, ist allen lieb und teuer.

4. Wenn wir selbst eine Gestalt haben, dann folgt daraus, dass auch die Welt und das Höchste eine Gestalt haben. Wenn wir jedoch gestaltlos sind, wer könnte dann ihre Gestalten sehen und auf welche Weise? Kann denn das Gesehene von anderer Natur sein als das Auge? Dieses Auge ist in Wahrheit das Selbst, das grenzenlose Auge.

5. Der Körper besteht aus fünf Hüllen[1]. Sie alle sind gemeint, wenn man vom ›Körper‹ spricht. Gibt es unabhängig vom Körper eine Welt? Sag, hat schon jemals jemand die Welt gesehen, der keinen Körper hat?

6. Die Welt besteht aus nichts anderem als aus den Sinnesobjekten (dem Gesehenen, Gerochenen, Geschmeckten, Gehörten und Getasteten). Sie werden durch die fünf Sinne (Augen, Nase, Mund, Ohren, Haut) wahrgenommen. Da der Geist die Welt nur mittels der fünf Sinne wahrnimmt, sag, kann es dann ohne den Geist eine Welt geben?

7. Obwohl Welt und wahrnehmender Geist gemeinsam auftauchen und wieder verschwinden, tritt die Welt erst durch die Wahrnehmung in Erscheinung. Das Vollkommene erstrahlt, ohne dass es auftaucht und wieder verschwindet. Dieser Ort, in dem Welt und Geist auftauchen und verschwinden, ist das einzig Wirkliche.

8. Mit welchem Namen und in welcher Form du auch die absolute Wirklichkeit verehrst, es ist ein Weg zum Vollkommenen, das ohne Namen und Form ist. Doch solltest du dein eigenes wahres Selbst in Ihm, dem höchsten Sein, erkennen, in Ihn eingehen und eins mit Ihm sein. Das ist die wahre Erkenntnis der Wahrheit.

9. Alle Zweiheit und Dreiheit beruhen auf dem Ego. Wenn man untersucht »Wer ist dieses Ego?«, verschwinden sie und man erkennt die Wahrheit. So jemand ist ein Weiser. Ihn verwirren diese Dinge nicht mehr. Das solltest du wissen.

10. Ohne Nichtwissen gibt es kein Wissen und ohne Wissen kein Nichtwissen. Wenn man fragt: »Wer ist es, der weiß und nicht weiß?« und das Selbst, die Quelle von beidem erkennt, ist das die wahre Erkenntnis.

11. Wenn man alle Objekte [die ganze Welt] kennt, aber nicht sich selbst (den Erkennenden), ist das Unwissenheit. Wenn man sein wahres Selbst erkennt, das die Grundlage des mittelbaren Wissens und Nichtwissen ist, finden sowohl Wissen als auch Nichtwissen ihr Ende.

12. Wahre Erkenntnis ist frei von Wissen und Nichtwissen. Das mittelbare Wissen von Objekten kann nicht die wahre Erkenntnis sein. Das Selbst erstrahlt immer aus sich selbst, ohne dass es etwas gäbe, das Es erkennen und von dem Es erkannt werden könnte [i. e. ohne die Beziehung von Subjekt und Objekt]. Dennoch ist es die wahre Erkenntnis und keine Leere. Das solltest du wissen.

13. Das Selbst ist Erkenntnis (Jnana) und ist das einzig Wirkliche. Das Wissen von diesem und jenem (vom Mannigfachen) dagegen ist Nichtwissen. Dieses Nichtwissen ist unwirklich, denn es kann nicht ohne das Selbst, das Erkenntnis ist, existieren. Oder können etwa die vielerlei Schmuckstücke unabhängig vom Gold existieren, sag?

14. Wenn die erste Person (ich) existiert, existieren auch die zweite und dritte Person (du, er, sie, es). Doch wenn man die Wirklichkeit dieser ersten Person hinterfragt, wird sie vernichtet und damit hören auch die zweite und dritte Person zu existieren auf. Was dann als Eines erstrahlt, ist unsere wahre Natur, das wahre Selbst.

15. Vergangenheit und Zukunft basieren auf der Gegenwart. Während sie sich ereignen, sind auch sie Gegenwart. Also existiert nur die Gegenwart. Wenn man Vergangenheit und Zukunft ergründen will und sich dabei der Wirklichkeit des Jetzt nicht vergewissert, ist es, als ob man ohne die Eins zählen wollte.

16. Gibt es Raum und Zeit ohne uns? Wenn wir der Körper sind, sind wir in Raum und Zeit gefangen. Doch sind wir der Körper? Wir sind dieselben, jetzt, damals und für immer, hier, dort und überall. Wir existieren und wir sind raum- und zeitlos.

17. Für jene, die das Selbst erkennen und für jene, die es nicht erkennen, ist der Körper ›ich‹. Für jene, die es nicht erkennen, ist das Ich lediglich auf den Körper beschränkt. Für jene, die das Selbst im Körper erkennen, erstrahlt das Ich als das unbegrenzte Selbst. Wisse, dass das der Unterschied zwischen beiden ist.

18. Die Welt ist wirklich für jene, die das Selbst erkennen und für jene, die es nicht erkennen. Für jene, die es nicht erkennen, ist die Welt (aus Namen und Formen) das Maß der Wirklichkeit. Für jene, die es erkennen, erstrahlt die Wirklichkeit unbegrenzt als die Grundlage der Welt. Wisse, dass das der Unterschied zwischen beiden ist.

19. Nur jene diskutieren darüber, ob Schicksal oder Willensfreiheit die Oberhand gewinnt, die die Ursache von beidem, nämlich das Ich, nicht erkennen. Jene, die es als den gemeinsamen Ursprung von Schicksal und Willensfreiheit erkennen, sind von beidem befreit. Sag, werden sie sich jemals wieder darin verstricken?

20. Wenn man Gott sieht und dabei sich selbst als den Sehenden außer Acht lässt, ist das nur eine geistige Projektion. Kann man überhaupt sagen, dass derjenige, der das Selbst sieht, wahrhaft Gott, seinen Ursprung, sieht? Jener, der das Ego-Ich verloren hat, ist nicht mehr von Gott verschieden.

21. Was ist damit gemeint, wenn es in vielen gelehrten Werken heißt, dass das Ego-Ich das Selbst bzw. Gott sieht? Wie könnte man sein eigenes Selbst sehen, da man doch nur eines ist? Und wie könnte man Gott sehen? Beides ist nur möglich, indem man seine Beute wird.

22. Es ist das Licht des Herrn, das den Geist erhellt. Wie könnte man mit dem geborgten Licht des Geistes das Licht allen Lichtes erkennen, ohne den Geist nach innen zu wenden und sich mit Ihm zu vereinigen, sag?

23. Dieser Körper sagt nicht »ich«. Und keiner behauptet, dass er während des Tiefschlafs nicht existiert. Erst nachdem das Ich aufgetaucht ist, taucht auch alles andere auf. Forsche mit einem konzentrierten Geist nach der Quelle, aus der dieses Ich entsteht.

24. Dieser grobstoffliche Körper sagt nicht »ich«. Sein und Bewusstsein (Sat-Chit, das Selbst) ist nichts, was entsteht und verschwindet. Aber zwischen beidem entsteht dieses Ich, das auf den Körper beschränkt ist. Das ist der Knoten zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten, Bindung, Jiva, subtiler Körper, Ego, Samsara (die weltlichen Bedingungen unserer Existenz) und der Geist.

25. Dieses Phantom-Ego, das keine eigene Gestalt besitzt, entsteht, indem es eine Gestalt (einen Körper) ergreift. Es hält sich am Leben, indem es an ihr festhält, nährt sich von den Sinnesobjekten und gewinnt so an Stärke. Wenn es die eine Gestalt im Tod verlässt, ergreift es dafür eine andere. Doch wenn du nach ihm suchst, ergreift es die Flucht. Das solltest du wissen.

26. Wenn sich das Ich erhebt, erhebt sich auch alles andere. Ist es nicht da, ist auch nichts anderes da. Das Ich ist wahrlich alles. Wenn man deshalb erforscht: »Was ist dieses ›Ich‹?«, dann wird man das alles los. Das solltest du wissen.

27. Im Zustand, in dem sich das Ich nicht erhebt, sind wir DAS. Wenn man nicht den Ursprung dieses Ich erforscht, wie kann man es da endgültig loswerden, so dass es sich nicht mehr erhebt? Und wenn man das nicht erreicht, wie kann man dann in seinem ursprünglichen Zustand, in dem man DAS ist, fest gegründet sein, sag?

28. Wie jemand tief hinabtaucht, um etwas zu finden, das ins Wasser gefallen ist, so muss man mit konzentriertem Geist tief in sich selbst hinabtauchen und Sprechen und Atmen kontrollieren, um den Ursprung zu entdecken, von wo das Ich sich erhebt. Das solltest du wissen.

29. Sag nicht (laut) »ich«, sondern suche mit einem nach innen getauchten Geist, wo dieses Ich entspringt. Das allein ist der Weg der Erkenntnis. Es kann zwar hilfreich sein, wenn man denkt: »Ich bin nicht dies [i. e. der Körper]. Ich bin DAS [Brahman]«, doch ist das Selbstergründung?

30. Wenn der Geist sich nach innen wendet und erforscht: »Wer bin ich?« und das Herz erreicht, neigt das Ich schamvoll sein Haupt und das Eine erscheint spontan als »Ich-Ich«. Doch obwohl es auf diese Art erscheint, ist es nicht das Ego-Ich, sondern die vollkommene Wirklichkeit, das wahre Selbst.

31. Was gibt es für jenen noch zu tun, dessen Ich zerstört ist und der die Seligkeit des Selbst genießt, die daraus entsteht? Er kennt nichts, was vom Selbst verschieden wäre. Sag, wer könnte seinen Zustand begreifen?

32. Die heiligen Schriften verkünden: »Ich bin DAS.« Wenn man jedoch nur meditiert: »Ich bin DAS, ich bin nicht jenes«, anstatt dass man das Selbst durch die Ergründung erkennt und in jenem Zustand verweilt, zeugt das von geistiger Unreife, da man immer das Selbst ist.

33. Zu sagen: »Ich habe mich nicht erkannt« oder »ich habe mich erkannt« ist lächerlich. Warum? Gibt es etwa zwei Selbste, so dass das eine von ihnen aus dem anderen ein Objekt machen könnte, wo doch jeder sich als ein einziges Sein erfährt?

34. Anstatt die Wahrheit zu kennen, die beständig im Herzen eines jeden wohnt, und dort zu verweilen, zu disputieren: »Es existiert, Es existiert nicht, Es hat eine Gestalt, Es ist gestaltlos, Es ist eines, Es ist zwei, Es ist nichts von beidem« ist Unwissenheit und Verblendung.

35. »Siddhi bedeutet, das wahrzunehmen, was man immer schon erlangt hat, und darin zu verweilen. Alle anderen Siddhis sind reine Traum-Siddhis. Sind sie noch wirklich, wenn man vom Schlaf erwacht? Können jene, die in ihrem wahren Zustand bleiben und von aller Verblendung frei sind, sich noch von ihnen irreführen lassen? Das solltest du bedenken.«

36. Wenn wir glauben, dass wir der Körper sind, ist der Gedanke: »Nein, das sind wir nicht. Wir sind DAS« hilfreich, um als DAS zu verweilen. Doch warum sollen wir immerzu denken, dass wir DAS sind, da wir DAS doch immer sind? Denkt denn ein Mensch immerzu, dass er ein Mensch ist?

37. Die Behauptung: »Während der Übung ist man in Zweiheit (Dvaita) und wenn man verwirklicht hat in Einheit (Advaita)« ist falsch. Man ist, wie in der Parabel, der vermisste zehnte Mann, sowohl während man ihn bange sucht, als auch wenn man herausfindet, dass man es selber ist.

38. Wenn wir die Täter unseres Tuns sind, müssen wir auch dessen Früchte verkosten. Doch wenn wir fragen: »Wer ist der Handelnde?« und das Selbst erkennen, verschwindet dieses Gefühl, der Handelnde zu sein, und auch die drei Karmas fallen von uns ab. Das ist der Zustand der Befreiung, der ewig währt.

39. Solange man denkt, dass man gebunden ist, besteht auch die Vorstellung von Bindung und Befreiung. Wenn man untersucht: »Wer ist gebunden?«, bleibt das Selbst übrig, das man immer schon erlangt hat und das immer frei ist. Wenn der Gedanke an Bindung nicht bestehen kann, wie könnte der Gedanke an Befreiung überleben?

40. Es gibt dreierlei Lehrmeinungen über die Art der Befreiung: mit Form, ohne Form oder beides. Ich aber sage, dass die Vernichtung des Egos, das zwischen den drei Arten unterscheidet, die Befreiung ist. Das solltest du wissen.

[1] die Hüllen aus Nahrung, Lebenskraft, niederer Geist (Sprachvermögen, Handeln, Wünsche, Absichten, Vorstellungen, Zweifel usf.), höherer Geist (Vernunft und Intuition) und die Hülle der Glückseligkeit (wie im Tiefschlaf oder Samadhi). Mit dem Körper ist nicht nur der materielle Leib gemeint, sondern auch alle geistigen Bereiche.

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Anhang zu den Vierzig Versen (Anubandham):

Eröffnungsvers:

Das, was diese Welt unterhält und beseelt, woraus sie entsteht, wozu sie besteht, wodurch sie in Erscheinung tritt und was sie wirklich ist, ist das einzig Wirkliche. Bewahre dir diese Wahrheit als geheimen Schatz im Herzen.
(Yoga Vasishta)

Text:

1. Wenn man in Gesellschaft von Weisen ist, verschwinden die Anhaftungen (an die Objekte der Welt) und damit die Illusion (dass man der Körper sei). Dadurch wird man eins mit der unveränderlichen Wirklichkeit und erlangt schließlich die Befreiung, während man noch lebt (Jivan Mukti). Suche deshalb Umgang mit den Weisen.
(Shankara: Bhaja Govindam)

2. Nicht indem man Predigern zuhört, noch durch intellektuelles Bücherstudium und auch nicht durch verdienstvolle Taten oder durch irgendein anderes Mittel kann man den höchsten Zustand erreichen und den Geist ins Herz hinabtauchen, sondern nur durch die Suche nach dem Selbst, die durch den Umgang mit den Weisen angespornt wird.
(Yoga Vasishta[1])

3. Wenn man Umgang mit Weisen pflegt, wozu muss man dann noch die vielen Regeln der Selbstzucht einhalten? Sag mir, wozu ist der Fächer da, wenn der kühle Südwind bläst?
(Yoga Vasishta)

4. Der kühlende Mondschein überwindet die Hitze (des Tages). Der Kalpaka-Baum[2] erfüllt die Wünsche und der heilige Fluss Ganges befreit von Sünde. Doch durch den Anblick des Weisen ergreifen alle drei Übel (Hitze, Wünsche und Sünde) die Flucht. Es gibt nichts, was sich damit vergleichen ließe.
(Subhashita Ratna Bhandagara)

5. Die heiligen Flüsse bestehen nur aus Wasser und Götterfiguren aus Stein und Lehm sind bei Weitem nicht so machtvoll wie die Weisen. Es dauert lange, bis ein Mensch, der sie verehrt, dadurch einen reinen Geist erlangt, während er beim Anblick eines Weisen sofort rein wird.
(Srimad Bhagavatam)

6. Schüler: »Wer ist Gott?«
Meister: »Jener, der den Geist erkennt.«
Schüler: »Aber das bin ja ich.«
Meister: »Deshalb bist du selber Gott (und kein Individuum). Auch die heiligen Schriften erklären, dass Gott in allen Kreaturen das eine Selbst ist.«
(ein Sanskritvers)

7. Meister: »Welches Licht ermöglicht es dir, dass du Objekte wahrnehmen kannst?«
Schüler: »Tagsüber ist es die Sonne und nachts eine Lampe.«
Meister: »Und womit nimmst du die Sonne und die Lampe wahr?«
Schüler: »Mit den Augen.«
Meister: »Und welches Licht erhellt die Augen?«
Schüler: »Es ist der Verstand.«
Meister: »Und welches Licht erhellt den Verstand?«
Schüler: »Das bin ich.«
Meister: »Dann bist du selbst das Licht allen Lichtes.«
Schüler: »Ja, Das bin ich.«
(Shankara: Eka Sloki)

8. Mitten in der Höhle des Herzens scheint allein Brahman. Es strahlt dort als Atman, das Selbst, und wird unmittelbar als »Ich-Ich« erfahren. Dringe ein in dieses Herz, indem du Selbstergründung übst oder mit einem kontrollierten Atem tief nach innen tauchst und bleibe beständig im Selbst.
(Ramana)

9. Das reine und beständige Bewusstsein wohnt im Herzenslotus als das wahre Ich und gewährt die Befreiung, wenn das Ego-Ich beseitigt wird.
(Devikalottaram, V. 46)

10. Der Körper ist empfindungslos wie alles, was aus Erde gemacht ist, und hat kein Ich-Bewusstsein. Zudem erfahren wir unsere wahre Natur im Tiefschlaf, in dem kein Körperbewusstsein da ist. Aus diesen beiden Gründen kann der Körper nicht ›ich‹ sein. Wer aber ist dieses Ich? Von woher kommt es? In der Höhle des Herzens derer, die dies ergründen, erstrahlt der Herr Arunachala, als reines Ich.
(Ramana)

11. Wer ist es, der wirklich geboren wurde? Nur jener, der fragt: »Woher komme ich?« wird wahrhaft in Brahman, seinem eigenen Ursprung geboren. Er ist ein für alle Mal geboren. Er ist der Herr aller Heiligen und immer neu.
(Ramana)

12. Wirf die Vorstellung von dir, dass du dieser empfindungslose und unvollkommene Körper bist und suche die immerwährende Seligkeit des Selbst. Wenn man das Selbst sucht, indem man diesen vergänglichen Körper hegt und pflegt, ist das, als würde man versuchen, einen Fluss zu überqueren, indem man sich an einem Krokodil festklammert, das man für ein Floß hält.
(Der erste Teil stammt von Ramana, der zweite Teil aus dem Vivekachudamani.)

13. Wenn man Wohltätigkeit übt, Buße tut, Opfer darbringt, seine Pflichten erfüllt, Yoga und Bhakti übt mit dem Ziel, den Himmel, die Wirklichkeit, Friede, Wahrheit, Gnade, Stille, Stabilität, den todlosen Tod, Erkenntnis, Entsagung, Befreiung und Seligkeit zu erlangen, bedeutet das nichts anderes als dass man damit aufhört, den Körper für das Selbst zu halten.
(Ramana)

14. Die Erforschung, wem Handlung (Karma), fehlende Hingabe (Vibhakti), Getrenntheit von der Wirklichkeit (Viyoga) und Verblendung (Ajnana) angehören ist alleine Karma, Bhakti, Yoga und Jnana[3]. Wenn man das ergründet, verschwindet das Ego und man verbleibt als das Selbst, in dem es weder den Sucher noch die vier Yogaarten gibt.
(Ramana)

15. Manche Dummköpfe verstehen nicht, dass sie von einer Kraft (Shakti) bewegt werden, die nicht ihre eigene ist und wollen Wunderkräfte erlangen. Ihre Possen sind wie die Prahlerei eines Krüppels, der zu seinen Freunden sagt: »Wenn ihr mich nur auf meine Beine stellt, dann werdet ihr schon sehen, wie ich den Feind besiege.«
(Ramana)

16. Da der Geistesfriede die wahre Befreiung ist und man ohne die Aktivität des Geistes keine Wunderkräfte erlangen kann, wie können dann jene, die auf solche Kräfte erpicht sind, die Seligkeit der Befreiung erlangen, die das Ende aller Betriebsamkeit des Geistes bedeutet?
(Ramana)

17. Obwohl Gott die Last der Welt trägt, tut das falsche Ich so, als würde es sie tragen, wie die Figur am Tempelturm, die den ganzen Turm auf ihrem Kopf zu tragen scheint. Wer ist daran schuld, wenn der Reisende sein Gepäck nicht im Wagen ablegt, der jede Last tragen kann, sondern es auf dem Kopf behält und darunter leidet? (Ramana)

18. Zwischen den Brustwarzen, im unteren Brustbereich über dem Magen sind sechs Organe von verschiedener Farbe. Eine davon ist das Herz. Es gleicht einer Lilienknospe und liegt von der Mitte der Brust aus zwei Fingerbreit rechts.
(Ashtanga Hridayam)

19. Es ist geschlossen. In seinem Innern herrscht tiefste Finsternis. Es ist voller Wünsche und Neigungen (Vasanas). Alle großen Nervenbahnen hängen von ihm ab. Es ist die Wohnstatt der Lebensenergie, des Geistes und des Bewusstseins.
(Ashtanga Hridayam)

20. Der Herr, der im Innern der Herzenshöhle wohnt, ist der Herr der Herzenshöhle. Wenn sich durch die Meditation: »Ich bin Er, Ich bin der Herr der Herzenshöhle« die Gewissheit, dass du Er bist, festigt, wenn sie so beständig wird wie deine gegenwärtige Vorstellung, dass du der Körper bist, weicht diese Unwissenheit wie die Dunkelheit vor der aufgehenden Sonne.
(Ramana)

21. Als Rama fragte: »Sage mir, was ist das Herz, das allen Lebewesen innewohnt und in dem, wie in einem großen Spiegel, die ganze Welt als Reflexion außen wahrgenommen wird?«, antwortete Vasishta: »Wir müssen verstehen, dass alle Lebewesen zwei verschiedene Herzen haben.»
(Yoga Vasishta)

22. »Das eine sollte man annehmen, das andere zurückweisen. Höre, worin sie sich unterscheiden. Das Herzensorgan des physischen Körper muss man zurückweisen. Das Herz, das die Gestalt des reinen Bewusstseins ist, muss man annehmen. Es ist sowohl innen als auch außen und hat doch kein Innen und Außen.«
(Yoga Vasishta)

23. »Das ist das wirkliche Herz. In ihm ruht die ganze Welt. Es ist der Spiegel, in dem wir alle Dinge sehen. Es ist die Quelle allen Reichtums. Dieses Bewusstsein ist das Herz aller Lebewesen. Das Herz ist kein Teil des vergänglichen, unbewussten Körpers.«
(Yoga Vasishta)

24. »Wenn man das Ego durch die Selbstergründung beständig im Herzen hält, das reines Bewusstsein ist, werden die Neigungen des Geistes (Vasanas) bezwungen und der Atem wird kontrolliert.«
(Yoga Vasishta)

25. Indem man beständig im Herzen meditiert: »Dieses reine, an keine Bedingungen und Beschränkungen geknüpfte Bewusstsein ist Shiva und Das bin ich«, beseitigt das alle Anhaftungen des Egos.
(Devikalottaram)

26. Wenn du die verschiedenen Seinszustände (von Wachen, Traum und Tiefschlaf) untersucht und den Zustand der Höchsten Realität fest ergriffen hast, dann spiele deine Rolle in der Welt. Du kennst die Wahrheit, die im Herzen aller Erscheinungen wohnt. Ohne dich von dieser Wirklichkeit abzuwenden, spiele deine Rolle in der Welt, als ob du sie lieben würdest.
(Yoga Vashishta)

27. Mit scheinbarer Begeisterung und Freude, mit Eifer und Missfallen, Initiative und Durchhaltevermögen, spiele deine Rolle in der Welt, doch ohne daran zu haften. Befreit von allen Banden der Anhaftung und mit einem gleichmütigen Geist handle in allen Situationen, wie es angemessen ist. Spiele deine Rolle in der Welt wie es dir beliebt.
(Yoga Vashishta)

28. Wer durch die Erkenntnis des Selbst in der Wahrheit gefestigt ist und die fünf Sinne überwunden hat ist das Feuer der Weisheit, der Herr des Gewitters der Selbst-Erkenntnis, der Überwinder der Zeit und der Held, der den Tod besiegt hat.
(Yoga Vasihstha)

29. Wenn der Frühling kommt, werden die Bäume immer grüner und schöner. Ebenso ist es mit jemandem, der die Wahrheit erkannt hat. Er gewinnt an Ausstrahlung, Intelligenz und Kraft.
(Yoga Vasihstha)

30. Jemand, dem man eine Geschichte erzählt, während er mit den Gedanken woanders ist, hört nicht wirklich zu. Ebenso ist der Geist des Weisen, der frei von Anhaftung ist, inaktiv, während er handelt. Derjenige jedoch, dessen Geist voller Anhaftung ist, ist aktiv, auch wenn er nichts tut. Er ist wie der Schläfer, der unbeweglich im Bett liegt und träumt, dass er einen Berg erklimmt und in den Abgrund stürzt.
(Yoga Vasihstha)

31. Dem Reisenden, der im Wagen schläft, ist es einerlei, ob sich der Wagen bewegt, ob er still steht oder ob die Tiere ausgespannt werden. Genauso ist es auch dem Weisen einerlei, der im Wagen seines Körpers schläft, ob er handelt, meditiert oder schläft.
(Ramana)

32. Wenn man die Zustände von Wachen, Träumen und Tiefschlaf untersucht, entdeckt man, dass es einen Zustand jenseits von diesen dreien gibt, einen Vierten Zustand, eine Art Wach-Schlaf, der Turiya heißt. Weil das alleine der wirkliche Zustand ist und die drei anderen rein illusorisch sind, ist der Vierte Zustand der des transzendentalen Seins.
(Ramana)

33. Wenn man sagt, dass der Jnani zwar Prarabdha (das gegenwärtige Karma) hat, aber kein vergangenes und zukünftiges Karma, ist das nur die Antwort auf die entsprechende Frage. Genauso wenig wie eine der drei Frauen, deren gemeinsamer Mann gestorben ist, der Witwenschaft entkommen kann, können die drei Arten von Karma bestehen bleiben, wenn der Täter verschwunden ist.
(Ramana)

34. Das einfache Volk hat nur eine Familie bestehend aus Frau, Kindern und anderen, die von ihnen abhängig sind. Aber im Geist der Gelehrten tummeln sich viele Familien von Büchern, Theorien und Meinungen als Hindernisse auf dem spirituellen Weg.
(Subhashita Ratna Bhandagara)

35. Was nützt den Gelehrten die Kenntnis der Schriften, wenn sie nicht versuchen, die Schrift des Schicksals durch die Ergründung: »Woher komme ich?« auszulöschen? Oh Herr Arunachala, was sind sie anderes als Grammophone?
(Ramana)

36. Die Ungebildeten werden eher gerettet als die Gelehrten, die ihr Ego nicht unterworfen haben. Sie bleiben von den Klauen des Dämons Stolz, von den krankhaft umherwirbelnden Gedanken und Worten und vom Streben nach Ehre bewahrt. Sie bleiben nicht nur von einer, sondern von vielen Krankheiten bewahrt.
(Ramana)

37. Wenn ein Mensch die Welt gering schätzt, als wäre sie nur ein Bündel Stroh und die heilige Überlieferung in Händen hält, dabei aber der gemeinen Hure Schmeichelei nachgibt, ist es für ihn sehr schwierig, ihrer Knechtschaft zu entkommen.
(Sadhaka Avasta)

38. Wenn man immer im Selbst verweilt, ohne davon abzuweichen und zwischen sich selbst und anderen keinen Unterschied macht, was gibt es dann außer das Selbst? Was macht es aus, was die Leute über einen sagen, ob sie uns preisen oder tadeln? Es ist als ob man sich selbst preisen oder tadeln würde.
(Ramana)

39. Bewahre dir Advaita im Herzen, aber wende es nicht im täglichen Leben an. Selbst wenn du es auf alles anwendest, mein Sohn, solltest du es nicht auf den Guru anwenden.
(Tattvopadesa von Shankara)

40. Ich lege hiermit die Essenz der Lehre des Vedanta dar: Wenn das Ego-Ich stirbt und das ›Ich‹ zum wirklichen Ich, (zum Selbst) wird, bleibt es allein als reine Bewusstheit übrig.
(ein Sanskritvers)



1. Ramana verwendet viele Verse aus dem Yoga Vasishta, ein bedeutendes Werk des Vedanta, das den Dialog des Weisen Vasishta mit dem Prinzen Rama zum Inhalt hat.
2. Der Kalpaka-Baum aus der indischen Mythologie ist ein Wunderbaum, der alle Wünsche, um die man bittet, erfüllt.
3. die vier klassischen Yogaarten: Karma = der Weg des wunschlosen Handelns, Bhakti = der Weg der Hingabe an Gott, Yoga = der Weg der vereinigung und Jnana = der Weg der Erkenntnis.

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Glossar


Advaita
Nicht-Zweiheit
Aham
ich
Aham Sphurana
das Pulsieren des »Ich-Ich«
Ajnana / Ajnani
Unwissenheit / einer der in der Illusion gefangen ist
Atman
das Selbst eines Wesens
Avidya
Unwissenheit
Bhakti / Bhakta
Hingabe an Gott / ein Gott Hingegebener
Brahman
das universelle Selbst, das Absolute
Dvaita
Zweiheit
Jiva
Individuum, Ego
Jivan Mukti
ein Befreiter, der noch im Körper weilt
Jnana
Erkenntnis, Wissen
Jnani
jemand, der das Selbst erkannt hat
Karma
Handeln, Folge des Handelns
Prarabdha
die jetzigen Lebensumstände, die sich aus dem Handeln in früheren Geburten ergeben
Samadhi
Versenkung im Selbst, höchster Zustand der Meditation
Sat-Chit-Ananda
eine Umschreibung von Brahman / Atman als reines Sein (Sat), erkennendes Bewusstsein (Chit) und Seligkeit (Ananda)
Sastras
heilige Hindu-Schriften
Satsang
wörtl.: Umgang mit dem Sein, Umgang mit einem verwirklichten Menschen
Savikalpa Samadhi
Zustand eines vorübergehenden Samadhis
Siddhi
Erlangung (von übernatürlichen Fähigkeiten)
Shakti
Kraft
Sphurana
s. Aham Sphurana
Turiya
der vierte Zustand, der jenseits der drei Zustände von Wachen, Träumen und Tiefschlaf ist und ihnen zugrunde liegt
Vasanas
Tendenzen, Neigungen
Vedanta
Ende und zugleich Erfüllung der Veden, s. a. Advaita

Samstag, 18. Oktober 2008

"Wer bin ich?" - Essay-Version

eine Einführung in die Methode der Selbstergründung s.a.
http://ramana.info.googlepages.com/atmavichara

Ramana Maharshi war erst 21 Jahre alt, als er die Grundlage für das Büchlein ›Nan Yar?‹, ›Wer bin ich?‹ schuf, ohne dass er je die Absicht hatte, ein Buch über seine Lehre zu schreiben. Er wohnte in der Virupaksha-Höhle auf dem Arunachala. Obwohl er in jener Zeit nicht sprach, fühlten die Menschen instinktiv, dass er ein Weiser war und kamen mit ihren spirituellen Fragen und Problemen zu ihm.

Einer von ihnen war Sivaprakasam Pillai, ein Philosoph, der bei einer Finanzbehörde beschäftigt war. In den Büchern, die er studiert hatte, konnte er auf seine existenzielle Frage »Wer bin ich?« keine Antwort finden. 1902 besuchte er den Maharshi auf dem Berg und stellte ihm seine brennenden Fragen. Ramana schrieb die Antworten entweder auf den Boden oder mit Kreide auf Schiefer. Sivaprakasam Pillai schrieb sich die Fragen und Antworten nachträglich aus dem Gedächtnis auf. Seine Sammlung wurde jedoch erst 1923 als Frage-und-Antwort-Version veröffentlicht. Ramana hat wenige Jahre später davon eine Essay-Version verfasst.

›Wer bin ich?‹ gilt als eines der grundlegendsten Werke Ramana Maharshis und enthält die Quintessenz dessen, was er sein Leben lang lehrte. Das Büchlein wurde im Ashram so billig wie möglich verkauft und Neuankömmlingen als erste Lektüre empfohlen, da es eine hervorragende Einführung in die Praxis der Selbstergründung ist.

Dies hier ist eine eigene Übersetzung der Essay-Version, die mit Hilfe eines Freundes aus dem Tamil erarbeitet wurde.

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Ramana Maharshi: "Wer bin ich?": Essay Version

Alle Lebewesen möchten stets glücklich und sorgenfrei sein. Jeder liebt sich selbst am meisten, denn das Glück ist die Ursache der Liebe. Um dieses Glück zu erlangen, das unser Wesen ist und das täglich im Tiefschlaf erfahren wird, in dem kein Geist[1] vorhanden ist, muss man sich selbst erkennen. Hierfür ist die Ergründung »Wer bin ich?« der beste Übungsweg.

Wer bin ich? Ich bin nicht die sieben Bestandteile dieses physischen Körpers.[2] Ich bin nicht die fünf Wahrnehmungsorgane: Ohren, Haut, Augen, Zunge und Nase mit ihren jeweiligen Funktionen von Hören, Tasten, Sehen, Schmecken und Riechen. Ich bin nicht die fünf Tätigkeitsorgane: Mund, Beine, Arme, After und Genitalien mit ihren jeweiligen Funktionen von Sprechen, Fortbewegung, Geben und Nehmen[3], Ausscheidung und sexueller Aktivität. Keiner der fünf bin ich und auch nicht die fünf Lebensenergien mit ihren jeweiligen Funktionen[4]. Ich bin weder der Verstand noch der unbewusste Zustand von Nicht-Wissen[5], in dem es weder Sinnesobjekte noch Aktivitäten des Geistes gibt und in dem nur die latenten Eindrücke (Vasanas) zurückbleiben.

All das bin ich nicht. Wenn man das oben Erwähnte als »Das bin ich ganz und gar nicht!«[6] zurückweist, ist das, was danach als einziges übrig bleibt, das reine Gewahrsein, das ich tatsächlich bin. Dieses reine Gewahrsein ist seinem Wesen nach Sein-Bewusstsein-Seligkeit (Sat-Chit-Ananda).

Wenn der Geist, der die Ursache für alles Wissen und sämtliche Tätigkeiten ist, verebbt, hört die Wahrnehmung der objektiven Welt auf. Solange man ein Seil für eine Schlange hält, kann man das Seil, das die Grundlage der Täuschung ist, nicht erkennen. Solange die Vorstellung einer objektiven Welt besteht, kann sich das wahre Wesen des Selbst nicht zeigen, das der Illusion zugrunde liegt.

Das, was man den »Geist« nennt, ist eine besondere Kraft (Shakti), die dem Selbst innewohnt. Sie bringt sämtliche Gedanken hervor. Wenn wir untersuchen, was übrig bleibt, wenn wir alle Gedanken entfernt haben, werden wir feststellen, dass der Geist kein eigenständiges Ding ist, das aus sich selbst bestehen kann. Folglich sind es die Gedanken, die den Geist bilden.

Unabhängig von den Gedanken existiert auch keine Welt als etwas Eigenständiges. Im Tiefschlaf gibt es keine Gedanken und auch keine Welt. Im Wachen und Träumen dagegen existieren Gedanken und deshalb gibt es auch eine Welt. Genauso wie die Spinne den Faden für ihr Netz aus sich selbst herauszieht und ihn wieder in sich selbst zurückzieht, projiziert der Geist aus sich selbst heraus die Erscheinung der Welt und löst sie wieder in sich auf.

Wenn der Geist aus dem Selbst hervorkommt und sich nach außen richtet, tritt die objektive Welt in Erscheinung. Deshalb zeigt sich das Selbst nicht, wenn die Welt wahrgenommen wird, und wenn das Selbst erstrahlt, zeigt sich die Welt nicht.

Wenn man beständig das Wesen des Geistes erforscht, wird der Geist zu DEM, worauf sich das »Ich« bezieht, und das ist nichts anderes als das Selbst. Der Geist bezieht sich stets auf etwas Materielles und kann nicht aus sich selbst bestehen. Er wird auch der feinstoffliche Körper oder der Jiva (die Seele, das individuelle Selbst) genannt.

Was im Körper als Ich[7] aufsteigt, ist nichts anderes als der Geist. Wenn du untersuchst, wo im Körper sich der Ich-Gedanke zuerst manifestiert, wird offensichtlich, dass es im Herzen[8] geschieht, denn das Herz ist die Geburtsstätte des Geistes. Selbst wenn wir beständig »Ich-Ich« denken, werden wir zu jenem Ort (i. e. dem Herzen) geführt.

Von allen Gedanken, die sich im Geist zeigen, ist der Ich-Gedanke der erste Gedanke. Erst nachdem er aufgetaucht ist, tauchen die anderen Gedanken auf. Erst wenn die erste Person (ich) sich zeigt, können auch die zweite und die dritte Person (du, er, sie, es) in Erscheinung treten. Ohne die erste Person können sie nicht existieren.

Nur durch den Prozess der Erforschung »Wer bin ich?« wird der Geist unterworfen. Der Gedanke »Wer bin ich?« vernichtet alle anderen Gedanken und wird schließlich selbst vernichtet, wie der Stock, mit dem man den Scheiterhaufen umrührt.[9]

Wenn andere Gedanken auftauchen, dann denke den aufsteigenden Gedanken nicht zu Ende, sondern erforsche auf der Stelle: »Wer ist es, dem dieser Gedanke kommt?« Was macht es schon aus, wie viele Gedanken dir kommen? Sobald sich ein Gedanke bildet, erforsche aufmerksam: »Wem kommt dieser Gedanke?« Die Antwort lautet: »mir«. Wenn du weiterforschst: »Wer bin ich?«, kehrt der Geist zu seinem Ursprung zurück und der auftauchende Gedanke verblasst. Wenn du das ausdauernd praktizierst, wächst die Kraft des Geistes, in seiner Quelle zu bleiben.

Wird der subtile Geist durch den Intellekt und die Sinnesorgane nach außen gerichtet, treten Namen und Formen in Erscheinung. Bleibt er aber im Herzen, verschwinden sie. Wenn man dem Geist nicht erlaubt, nach außen zu wandern, und ihn im Herzen zurückhält, spricht man von »nach innen gerichtet sein«. Wird er nach außen gelassen, spricht man von »nach außen gerichtet sein«.

Wenn der Geist auf diese Weise im Herzen verweilt, verschwindet der Gedanke »ich«, der die Ursache aller anderen Gedanken ist. Dann offenbart sich das Selbst, das immerwährend aus sich selbst erstrahlt. Wenn du dem Ich-Gedanken nicht den geringsten Platz einräumst, manifestiert sich deine wahre Natur. Das ist es, was gemeint ist, wenn man von »Schweigen« (Maunam) spricht.

Dieser Zustand des reinen Seins und des Schweigens wird Erkenntnis (Sicht der Weisheit, Jnana Drishti) genannt. Um still zu sein, musst du den Geist völlig im Selbst versenken. Dagegen haben solche Dinge wie Gedankenlesen, Telepathie und Hellsehen mit der Erkenntnis überhaupt nichts zu tun.[10]

In Wahrheit existiert nur das Selbst. Welt, Individuum und Gott sind Vorstellungen im Selbst wie das Silber, das man in einer Perlmuttschale sieht. Alle drei treten gleichzeitig in Erscheinung und verschwinden auch wieder gleichzeitig. Das Selbst ist die Welt, das individuelle Ich und Gott. Alles ist eine Manifestation Shivas, des Selbst.

Es gibt kein besseres Mittel als Vichara, um den Geist (dauerhaft) zur Ruhe zu bringen. Wird der Geist durch andere Methoden unter Kontrolle gebracht, ist er nur scheinbar unterworfen und erhebt sich wieder.

So wird er zum Beispiel durch Atemkontrolle (Pranayama)[11] unterworfen, denn so lange der Atem zurückgehalten wird, ist auch der Geist unter Kontrolle. Doch wenn der Atem wieder frei fließt, wendet sich der Geist durch den Einfluss der Vasanas erneut nach außen und wandert umher.

Denn Geist und Atem haben denselben Ursprung. Es sind die Gedanken, die den Geist bildet. Der Ich-Gedanke ist der erste Gedanke des Geistes. Er ist das Ego (das individuelle Ich-Gefühl, Ahamkara). Vom selben Ort, wo das Ego entspringt, steigt auch der Atem auf. Deshalb ist die Aktivität des Geistes geringer, wenn der Atem zurückgehalten wird und andersherum.

Obwohl die Aktivität des Geistes im Tiefschlaf aufhört, kommt der Atem nicht zum Stillstand. So hat Gott es zum Schutz des Körpers bestimmt, damit ihn die anderen nicht versehentlich für tot halten. Wenn der Geist im Wachzustand und im Samadhi still ist, ist auch der Atem reduziert, denn der Atem ist die grobe Form des Geistes. Bis zum Tod hält der Geist den Atem im Körper. Im Augenblick des Todes bemächtigt er sich seiner und trägt ihn fort. Deshalb ist die Atemkontrolle nur eine Hilfe, um den Geist zu beruhigen, bewirkt aber nicht seine Vernichtung.

Ebenso wie die Atemkontrolle sind auch die Meditation einer Form (eines Götterbildnisses), Mantra-Japa und Regeln fürs Essen Hilfsmittel, um den Geist zu unterwerfen. Durch die Meditation einer Form und durch Mantra-Japa sammelt sich der Geist. Wenn man dem Elefanten, dessen Rüssel immerzu herumfuchtelt, eine Kette zum Festhalten gibt, wird er nach nichts anderem mehr greifen. Ebenso wird der ständig umherwandernde Geist, der sich an einen Namen oder eine Form (Gottes) gewöhnt hat, dies festhalten.

Wenn sich der Geist in unzählige Gedanken zerstreut, wird der einzelne Gedanke sehr schwach und uneffektiv. Wenn die Gedanken mehr und mehr verebben, wird der Geist konzentriert und gewinnt an Stärke. Ein solcher Geist wird leicht Selbstergründung üben.

Von allen Regeln ist die beste, sattvische (reine) Nahrung[12] in mäßiger Menge zu sich zu nehmen. Dadurch werden die sattvischen Eigenschaften des Geistes[13] gestärkt, was für die Selbstergründung (Atma Vichara) hilfreich ist.

Obwohl seit einer Ewigkeit die unzähligen Vasanas (die Neigungen und Eindrücke der weltlichen Objekte) wie die Wellen des Meeres beständig wiederkehren, klingen sie alle mit der zunehmenden Intensität der Meditation über unsere wahre Natur ab. Man sollte nicht den Zweifel hegen: »Ist es möglich, so viele Vasanas auszulöschen, sodass nur noch das Selbst zurückbleibt?«, sondern unnachgiebig an der Meditation über seine wahre Natur festhalten.

Wie sündig ein Mensch auch sein mag, er sollte nicht jammern und klagen: »Ich bin ein Sünder! Wie kann ich Befreiung erlangen?« Wenn er stattdessen den Gedanken aufgibt, ein Sünder zu sein, und beharrlich über seine wahre Natur meditiert, wird er sich bestimmt verändern.

Solange noch Vasanas im Geist sind, ist die Ergründung »Wer bin ich?« nötig. Jedes Mal wenn Gedanken auftauchen, musst du sie - einen nach dem anderen - am Ort ihres Entstehens durch die Ergründung vernichten.

Nichts anderes als seine wahre Natur zu suchen ist Entsagung (Nicht-Anhaftung) und Wunschlosigkeit. Den Halt am Selbst nicht aufzugeben ist Erkenntnis (Jnana). In Wahrheit sind beide dasselbe. Wie der Perlentaucher die Perlen vom Meeresgrund holt, indem er sich Steine um die Taille bindet, um tief hinabzutauchen, so kann jeder die Perle des Selbst erlangen, wenn er durch Entsagung tief in sich selbst hinabtaucht. Es würde schon genügen, wenn man sich ständig an seine wahre Natur erinnert, bis man sie erlangt hat. Solange Feinde in der Festung sind, kommen sie heraus. Wenn wir sie - einen nach dem andern, wie sie sich zeigen - niederschlagen, werden wir die Festung erobern.

Gott und Guru sind in Wahrheit nicht voneinander verschieden. Wie die Beute, die dem Rachen des Tigers zum Opfer gefallen ist, nicht mehr entkommen kann, ebenso (gewiss) wird derjenige, der unter dem gnadenvollen Blick des Gurus steht, gerettet und nie im Stich gelassen werden. Doch er muss auch unerschütterlich dem Pfad folgen, den der Guru ihm gezeigt hat.

Beständig im Selbst zu verweilen und keinem anderen Gedanken Raum zu geben sich zu erheben, außer dem Gedanken an das Selbst, bedeutet sich Gott zu übergeben. Wie groß die Last auch ist, die du Gott auflädst, er wird sie tragen. Da eine göttliche Macht alles kontrolliert was geschieht, warum sollten wir uns nicht ihr überlassen und immerzu denken: »Soll ich es so oder so machen?« Wir wissen doch, dass der Zug alle Lasten trägt. Warum legen wir dann unser kleines Bündel nicht ab, wenn wir eingestiegen sind, und machen es uns bequem, anstatt uns selbst zu quälen, indem wir es weiterhin auf dem Kopf behalten?

Glück ist die Natur des Selbst. Glück und Selbst sind nicht voneinander verschieden, sondern eins und die einzige Wahrheit. Keinem der vielen weltlichen Dinge wohnt Glück inne. Durch unseren Mangel an Unterscheidungsfähigkeit denken wir, dass wir durch die Dinge glücklich werden. Doch im Gegenteil: wenn der Geist sich nach außen wendet, erfährt er Kummer. In Wahrheit ist es so, dass jedes Mal, wenn unsere Wünsche erfüllt werden, der Geist an seinen Ursprungsort zurückkehrt und die Seligkeit des Selbst erfährt. Auf dieselbe Weise wendet sich der Geist nach innen und erfährt die Seligkeit des Selbst, wenn man im Tiefschlaf, in Samadhi oder ohnmächtig ist, wenn man das Gewünschte bekommen hat oder wenn etwas Gefürchtetes ausgeblieben ist. So pendelt der Geist pausenlos hin und her, verlässt das Selbst und wendet sich nach außen, um dann wieder zurückzukommen.

Im Schatten eines Baumes ist es angenehm kühl, draußen in der glühenden Sonne dagegen unerträglich heiß. Ein Mensch, der sich der Sonne ausgesetzt hat, genießt gerne die Kühle des Schattens. Doch nach einer Weile geht er wieder hinaus, kann aber die Hitze nicht ertragen und kehrt erneut in den Schatten des Baumes zurück. So geht er ständig vom Schatten in die Sonne und von der Sonne in den Schatten.

Jemandem, der das tut, mangelt es an Unterscheidungsfähigkeit. Ein weiser Mensch verlässt nie den Schatten. Ebenso wenig verlässt der Geist des Erleuchteten (Jnani) Brahman. Aber der Geist des Unwissenden wandert weiterhin in der Welt umher und erfährt Leid. Dann kehrt er für eine Weile in Brahman zurück und ist glücklich.

Was man »die Welt« nennt, sind nur Gedanken. Ist die Welt verschwunden – d.h. wenn keine Gedanken da sind - erfährt der Geist Glück. Taucht die Welt auf, erfährt er Leid.

Allein durch die Anwesenheit der Sonne, die ohne irgendeinen Wunsch oder eine Absicht zu verfolgen und ohne sich anzustrengen aufgeht, sprüht der Sonnenstein Feuer, blüht der Lotus, verdunstet das Wasser und gehen die Leute ihrer jeweiligen Arbeit nach und ruhen sich danach aus. In der Nähe eines Magneten bewegt sich die Nadel. Ebenso gehen die Individuen, die von den drei göttlichen Funktionen (Entstehung, Erhaltung und Auflösung) regiert werden, nur aufgrund der absichtslosen Kraft der Anwesenheit Gottes ihren jeweiligen Aufgaben nach und ruhen sich dann aus, wie es ihrem Karma entspricht. Doch Gott ist absichtslos. Er wird durch keine Handlung berührt, ebenso wenig wie die weltlichen Handlungen die Sonne berühren und die guten und schlechten Eigenschaften der vier Elemente (Erde, Wasser, Luft und Feuer) den alles durchdringenden Äther.

In allen spirituellen Schriften steht, dass man den Geist kontrollieren muss, um die Befreiung (Mukti) zu erlangen. Hat man einmal verstanden, dass die Schlussfolgerung der Schriften die Vernichtung des Geistes ist, macht es keinen Sinn mehr, sie endlos zu studieren. Um dem Geist Einhalt zu gebieten, muss man erforschen, wer man selbst ist. Wie könnte man das durch Bücher herausfinden?

Man muss sich selbst durch das Auge der Erkenntnis verstehen. Braucht Rama etwa einen Spiegel, um zu wissen, dass er Rama ist? Das Selbst wohnt in den fünf körperlichen Hüllen[14], doch die Bücher sind außerhalb von ihnen. Deshalb ist es nutzlos, unser Selbst durch das Studium von Büchern zu suchen. Man muss es verwirklichen, indem man alle fünf Hüllen zurückweist.

Wenn man durch die Untersuchung: »Wer ist es, der gebunden ist?« seine wahre Natur erkennt, ist das die Befreiung (Mukti). Die Praxis, den Geist zu jeder Zeit im Selbst zu halten, heißt Selbstergründung (Atma Vichara). Meditation (Dhyana) dagegen ist die Kontemplation, dass man selbst Brahman als Sein-Bewusstsein-Seligkeit (Sat-Chit-Ananda) ist.[15] Es wird eine Zeit kommen, da man alles vergessen muss, was man gelernt hat.

Es ist sinnlos, den Kehricht zu untersuchen, den man gesammelt hat, um ihn wegzuwerfen. Ebenso sinnlos ist es für jemanden, der sein Selbst kennen will, all die Tattvas[16], die sein Selbst verschleiern, zu sammeln und zu analysieren, anstatt sie wegzuwerfen. Man sollte die phänomenale Welt lediglich als einen Traum betrachten.

Außer dass der Wachzustand lang und der Traum kurz ist, gibt es keinen Unterschied zwischen den beiden. Wie die Ereignisse im Wachzustand als wirklich erscheinen, erscheinen auch die Traum-Ereignisse als wirklich, während man träumt. Im Traum nimmt der Geist lediglich einen anderen Körper an. In beiden Zuständen, im Wachen und im Träumen, sind gleichzeitig Gedanken, Namen und Formen vorhanden.

Es gibt nicht zweierlei Arten von Geist, einen guten und einen schlechten, sondern es gibt nur einen Geist. Es sind die Neigungen (Vasanas), die von zweierlei Art sind: gut oder schlecht. Wird der Geist von guten Vasanas beeinflusst, nennt man ihn gut, wird er von schlechten Vasanas beeinflusst, nennt man ihn schlecht. Wie schlecht dir andere Menschen auch erscheinen mögen, du solltest sie nicht hassen. Man sollte Vorlieben und Abneigungen (Liebe und Hass) unterlassen. Erlaube dem Geist nicht, zu oft bei weltlichen Dingen zu verweilen. Du solltest dich so wenig wie möglich in die Angelegenheiten anderer Leute einmischen. Alles, was man anderen gibt, gibt man nur sich selbst. Wenn das (allgemein) bekannt wäre, wer würde dann nicht geben?

Wenn sich unser individuelles Ich erhebt, erhebt sich alles andere. Wenn es sich senkt, sinkt auch alles andere. Je demütiger wir sind, desto besser. Wenn der Geist unter Kontrolle ist, was spielt es dann für eine Rolle, wo wir sind?

[1] in Tamil: Manam, der denkende und fühlende Geist, Intellekt, Verstand, Gefühl
[2] Flüssigkeit, Blut, Fleisch, Fett, Mark, Knochen und Samen
[3] die Tätigkeiten, die mit den Armen und Händen ausgeführt werden.
[4]Atmung, Verdauung, Blutzirkulation, Schwitzen, Ausscheidung
[5] wie im Tiefschlaf oder während einer Ohnmacht
[6] Hier wird auf die beliebte verneinende »Neti-Neti«-Praxis (»Ich bin nicht dies, ich bin nicht das«) angespielt.
[7] Dieses Ich ist das kleine Ego-Ich im Unterschied zum großen Ich, das das universelle Selbst ist.
[8] Sri Ramana spricht hier vom spirituellen Herzen, Hridayam.
[9] Mit dem Stock drückt man die Leiche, die sich aufbäumt, nieder, damit sie völlig verbrennen kann. Schließlich verbrennt der Stock selbst.
[10] Hier spricht Ramana von den übernatürlichen Fähigkeiten (Siddhis). Er macht klar, dass sie mit Jnana nichts zu tun haben.
[11] Hier erwähnt Sri Ramana die Yoga-Methode des Pranayama, des Zurückhaltens des Atems.
[12] einfache und nahrhafte vegetarische Ernährung, die den Körper erhält, aber nicht stimuliert [13] ein friedvoller, konzentrierter und klarer Geist mit den Eigenschaften: Reinheit des Herzens, Ausgeglichenheit, Freundlichkeit allen gegenüber, Tapferkeit und Freiheit von Begierden, Hass und Arroganz - i. Ggs. zu den anderen Eigenschaften des Geistes: Tamas (Trägheit) und Rajas (Leidenschaftlichkeit und Ruhelosigkeit)
[14] Die fünf Hüllen (Koshas) in der Lehre des klassischen Advaita-Vedanta: die physische, vitale und mentale Hülle, die Hülle des Wissens und der Erfahrung und die Hülle der Seligkeit (wie im Tiefschlaf). In der »Neti-Neti«-Praxis werden diese fünf Hüllen als Nicht-Ich abgelegt, wie am Anfang beschrieben.
[15] Die Zusicherung, dass man Brahman ist (»Ich bin Brahman« etc.), ist das Gegenstück zur »Neti-Neti«-Praxis. Beide Methoden benötigen ein ausführendes Ich.
[16] Die Tattvas sind die Elemente, aus der die phänomenale und geistige Welt besteht. Sie werden in der indischen Philosophie vom subtilen Geist bis zur Materie klassifiziert. Es gibt davon bis zu 96 Klassifizierungen, die teils sehr kompliziert sind, je nach Schule.



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Glossar

Atma Vichara
Suche nach dem Selbst (i. e. nach der Wurzel des Egos), Selbstergründung, Selbsterforschung
Atma/Atman
(urspr. Lebenshauch, Atem) hat zwei Bedeutungen:
als unsterbliches inneres Prinzip des Menschen ist es identisch mit Brahman. Es steht aber auch für das individuelle Ich.
Dhyana
Meditation (eines Objektes)
Brahman
die Wurzel brh bedeutet Stärke, Intensität, Urgrund des allgemeinen Seins, das Wesentliche in allen Dingen, das Absolute ohne greifbare Gestalt. Brahman und Atman sind letztlich eins. Das Absolute ist Sat-Chit-Ananda (Sein-Bewusstsein-Seligkeit).
Hrydaya
wörtl.: »das ist das Zentrum«; das spirituelle Herz auf der rechten Seite der Brust
Japa
Flüstern, gemurmeltes Gebet; v. a. das unablässige Wiederholen eines Gottesnamens oder Mantras, um den Geist zu beruhigen und zu fixieren
Jnana
Erkenntnis, Wissen
Jnana Drishdi
Die Erkenntnis oder das Sehen der Weisheit bedeutet nicht ein objektives Erkennen, sondern der Zustand des reinen Seins.
Jnani
einer, der das Ziel des Jnana-Yoga, nämlich die Verwirklichung durch Erkenntnis erlangt hat
Karma
Handeln, Folgen des Handelns, Gesetz ausgleichender Gerechtigkeit. Die Folgen der guten und schlechten Taten müssen in diesem oder einem anderen Leben getragen werden. Auch i. S. von selbstlosem Handeln.
Mantra
eine kurze Formel aus den heiligen Schriften, ein Wort oder nur eine Silbe. Das Mantra wird ständig wiederholt (s. a. Japa).
Mukti
Befreiung, Erlösung aus dem Kreislauf von Geburt, Tod und Wiederverkörperung
Pranayama
Yoga-Methode der Atemkontrolle. Ramana rät, lediglich den Atem zu beobachten.
Samadhi
Versenkung; hier i. S. von Versenkung, in der man sich des Körpers und der Welt nicht mehr bewusst ist
Vasanas
alles, was unbewusst im Geist ist: Neigungen, Wünsche, Eindrücke, Gedanken-Konzepte, Angewohnheiten usf.
Vichara
Suche, Erforschung; hier i. S. von Atma Vichara, Erforschung des Selbst (Ego-Ichs)
Yoga
Einheit mit Brahman; Übungsmethode

Samstag, 14. Juni 2008

Der einzigartige Buchstabe

Akshara ist ein einzigartiger Buchstabe. Du willst ernsthaft, dass ich ihn in dieses Buch schreibe. Da dieser einzigartige Buchstabe beständig als das Selbst im Herzen erstrahlt, wer könnte ihn da niederschreiben?][1]

[1] Übers. aus „Collected Works“, S. 149

Die Geschichte zu diesem Vers, s. Nagamma, Brief 61
http://surinagamma.blogspot.com/2008/02/62-der-eine-buchstabe-und-das.html

Dienstag, 13. Mai 2008

Geburtstag


Diese beiden Verse schrieb Sri Ramana zum Anlass seiner ersten Geburtstagsfeier, vermutlich 1912.
Die Geschichte findet sich unter:
http://surinagamma.blogspot.com/2008/05/97-brief-geburt.html

1. Ihr, die ihr Geburtstag feiern wollt, findet zuerst heraus, wer es ist, der geboren wurde. Unser wahrer Geburtstag ist der Tag, an dem wir in unser ewiges Sein eintreten, das weder Geburt noch Tod erreichen kann.

2. Besonders an den jährlichen Geburtstagen sollten wir beklagen, dass wir diesen Körper bekommen haben und in diese Welt geraten sind. Stattdessen feiern wir dieses Ereignis als ein Fest. Sich darüber zu freuen ist, als würde man einen Leichnam schmücken. Die Weisheit besteht darin, das Selbst zu erkennen und darin aufzugehen.

Montag, 12. Mai 2008

Fünf Verse über das Selbst


Die Fünf Verse über das Selbst ist das letzte Gedicht,
das Sri Ramana 1947 geschrieben hat. Es entstand auf Veranlassung
von Suri Nagamma (s. Brief vom 20.02.1947):
http://surinagamma.blogspot.com/2008/05/96-brief-die-entstehung-der-fnf-verse.html

1. Wenn man das Selbst vergisst und glaubt,
dass man der Körper ist, durch unzählige Geburten geht
und sich schließlich erinnert und das Selbst wird,
so ist es wie das Erwachen aus einem Traum,
in dem man um die ganze Welt gewandert ist.

2. Man ist immer das Selbst.
Wenn man sich fragt: ‚Wer bin ich und wo bin ich?’,
ist es wie wenn ein Betrunkener fragt „Wer und wo bin ich?“

3. Der Körper ist im Selbst.
Und doch denken wir, dass wir in diesem trägen Körper sind,
wie ein Zuschauer, der annimmt, dass die Leinwand,
auf die das Bild geworfen wird, im Bild ist.

4. Kann ein goldenes Schmuckstück ohne das Gold existieren?
Kann der Körper unabhängig vom Selbst existieren?
Der Unwissende glaubt: „Ich bin der Körper“,
während der Erleuchtete weiß: „Ich bin das Selbst“.

5. Das Selbst allein ist die einzige Wirklichkeit
und existiert für immer.
Wenn der erste Lehrer in alten Zeiten [Dakshinamurti]
es in ununterbrochenem Schweigen enthüllt hat,
sag, wer könnte es dann in Worten enthüllen?

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Übers. aus Collected Works, 2004 S. 130f