Samstag, 4. Juni 2011

Die Essenz der Bhagavad Gita


Eine fortlaufende Prosa-Übersetzung von 42 Verse aus der Bhagavad Gita, die Ramana Maharshi für jene, die an der Selbstergründung interessiert sind, ausgewählt und neu geordnet hat. In diesen Versen zeigt Bhagavan dem Sucher auf, was und mit welchen Mitteln er suchen muss.

Eine Übersetzung von Miles Wrights Übertragung aus dem Sanskrit.

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Sanjaya (der Erzähler):
Madhusudana1 (Sri Bhagavan/Krishna) sprach folgende Worte zu Arjuna, der niedergeschlagen und mit verstörten und tränennassen Augen von Mitgefühl überwältigt war.

Sri Bhagavan (Krishna) sagte:
»Dieser Körper, oh Sohn von Kunti2, nennt man ›das Feld‹ (Kshetra)3. Die Weisen nennen einen, der dieses Kshetra kennt ›den Kenner des Feldes‹. Wisse zudem, dass ›Ich‹ der Kenner des Feldes in allen Feldern bin. Ich erachte das Wissen über das Feld und denjenigen, der es erkennt, als die eigentliche Erkenntnis. Ich bin das Selbst, o Gudakesa, das im Herzen aller Lebewesen wohnt. Ich bin der Anfang, die Mitte und auch das Ende aller Lebewesen. Denn für das Geborene ist der Tod gewiss und für das Gestorbene die Geburt. Deshalb sollst du dich über das Unvermeidliche nicht betrüben. Er wurde weder geboren, noch stirbt Er. Da Er immer schon existiert, wird Er auch nicht wieder zu existieren aufhören. Ungeboren, ewig und unvergänglich ist das Selbst, das Uralte. Es wird nicht getötet, wenn der Körper getötet wird.

Dieses Selbst kann nicht zerschnitten werden. Dieses Selbst kann nicht verbrannt werden. Dieses Selbst kann nicht nass werden. Dieses Selbst kann nicht verdorren. Es ist ewig, allgegenwärtig, dauerhaft, unbeweglich und immerwährend. Wisse, dass DAS [das Selbst], von dem alles durchdrungen wird, tatsächlich unvergänglich ist. Niemand kann das Unwandelbare zerstören. Das Unwirkliche wird nie für wirklich gehalten. Das Wirkliche wird nie für unwirklich gehalten. Die endgültige Wahrheit über diese beiden [Tatsachen] wurde von den Sehern der Wahrheit erkannt. Wie der allgegenwärtige Äther nicht befleckt werden kann, weil er nicht greifbar ist, so bleibt auch das Selbst in jedem Fall unbefleckt, obwohl es im Körper seine Wohnstatt hat. Es wird weder von der Sonne noch vom Mond noch vom Feuer erhellt.

Jene, die ins Nicht-Manifeste eingegangen sind, kehren nie wieder zurück. Es ist Meine höchste Wohnstatt. Dieses Nicht-Manifeste [Wohnstatt] nennt man das Unvergängliche (OM). Man nennt es das höchste Ziel. Wenn sie es einmal erlangt haben, kehren sie nie wieder zurück. Es ist Meine höchste Wohnstatt.

Jene, die frei von Stolz und Täuschung sind, die die schädlichen Auswirkungen der Anhaftung überwunden haben, die immer im Selbst verweilen, die am Ende der Wünsche und von den Gegensätzen wie Freude und Leid befreit sind, jene, die sich nicht irreführen lassen, erlangen diese ewige Heimat.

Doch derjenige, der die Anweisungen der Schriften missachtet und stattdessen den Impulsen seiner Wünsche folgt, erlangt weder die Vollendung noch Glück noch den Höchsten Pfad [der Selbstergründung]. Jener, der erkennt, dass der Höchste Herr in allen Lebewesen gleichermaßen wohnt, das Unvergängliche im Vergänglichen, ist jener, der wahrhaft sehend ist. Nur durch ungeteilte Hingabe kann man mich so erkennen und sehen, wie ich wirklich bin, oh Arjuna, und tatsächlich in mich eingehen.

Das Vertrauen eines jeden Menschen entspricht seiner Sinnesart [sei sie sattva (rein), rajas (leidenschaftlich), tamas (träge) usw.] Der Mensch besteht aus Vertrauen. Wie sein Vertrauen, so ist auch er. Der vertrauensvolle Mensch, der allein mit DEM beschäftigt ist, der seine Sinne unter Kontrolle hat, erlangt die Erkenntnis (Jnana). Hat er einmal Erkenntnis erlangt, findet er bald den höchsten Frieden. Jenen, die Mich beständig mit Hingabe verehren, gebe ich den Yoga des Verstandes (die Selbstergründung, s. Gespräch 112), durch den sie zu Mir kommen. Aus Mitleid mit ihnen vertreibe Ich, der Ich in ihrem Selbst weile, ihre aus Unkenntnis entstandene Unwissenheit mit der leuchtenden Lampe der Erkenntnis. Bei jenen, deren Unwissenheit durch die Erkenntnis des Selbst vernichtet worden ist, offenbart diese Erkenntnis wie die Sonne das Höchste in ihnen.

Es heißt, dass die Sinne machtvoll sind. Über den Sinnen steht das Denken. Über dem Denken steht der Verstand. Aber noch höher als der Verstand steht Er, das Selbst von allen. Wenn du somit erkennst, dass Er (das Selbst) über dem Verstand steht und dich selbst im Selbst gefestigt hast, dann töte den schlüpfrigen Feind (ahamkaram, das Ego), der so schwer zu finden ist. So wie ein loderndes Feuer Brennstoff zu Asche verbrennt, so verbrennt das Feuer der Erkenntnis alle Handlungen zu Asche. Jenen, dessen Unternehmungen frei vom Wunsch nach Ergebnissen sind und dessen Handlungen völlig vom Feuer der Erkenntnis verzehrt worden sind, nennen die Erkennenden einen ›Weisen‹. Das Eintauchen ins Selbst ist hier und jetzt jenen zugesichert, die sich bemüht und ihre Gedanken kontrolliert haben, die sich von Ärger und materiellen Wünschen befreit und das Selbst verwirklicht haben.

Allmählich sollte man vom Handeln ablassen. Indem man den Verstand eisern festhält und den Geist einzig im Selbst ruhen lässt, sollte man sein Denken auf nichts richten. Sooft der unruhige und unstete Geist nach außen wandert, sollte man ihn wieder zurückziehen, ihn unterwerfen und ihn einzig im Selbst ruhen lassen. [Somit] ist der Weise, der seine Sinne, seinen Geist und Verstand unter Kontrolle hat und dessen einziges Ziel die Befreiung ist, der frei ist von Wunsch, Angst und Zorn, tatsächlich befreit. Der Selbstverwirklichte sieht das Selbst in allen Geschöpfen und alle Geschöpfe im Selbst. Er betrachtet alles unvoreingenommen. (s. Gespräch 319). Ich biete jenen Menschen Sicherheit und Wohlergehen, die Mich mit beständiger Entschlossenheit verehren, ohne an etwas anderes zu denken.

Von ihnen ist der Weise der Hervorragendste, der seine Aufmerksamkeit immer auf das Eine richtet und ihm ergeben ist, denn Ich bin dem Weisen überaus lieb und er ist Mir überaus lieb. Am Ende vieler Geburten nimmt der Weise in Mir seine Zuflucht. Er weiß: ›Vasudeva [Bhagavan, Krishna] ist das Selbst, das allem innewohnt.‹ Solch eine große Seele ist tatsächlich schwer zu finden.

Wenn jemand alle Wunschobjekte, die ständig den Geist durchfluten, aufgibt und allein im Selbst durch das Selbst zufrieden ist, dann bezeichnet man ihn als einen, der ›in der Weisheit gefestigt‹ ist. Jener, der alle Wunschobjekte aufgibt, frei von Verlangen und ohne das Gefühl von ›Ich‹ und ›mein‹ umherwandert, der erlangt den Frieden. Jener, der weder die Welt verstimmt, noch von ihr verstimmt wird, der befreit ist von Freude und Ärger, Sorge und Angst, der ist Mir lieb. Wer derselbe ist in Ehre und Schande, für Freund und Feind und alles persönliche Bestreben aufgegeben hat, von dem sagt man, dass er die Gunas4 überwunden hat.

Wer sich allein im Selbst erfreut, ist mit dem Selbst völlig gesättigt und im Selbst allein zufrieden. Für ihn gibt es nichts zu tun. Für ihn gibt es nichts, das er durch Handeln in dieser Welt erlangen müsste, noch gibt es etwas, das nicht getan werden müsste, noch ist er wegen irgendetwas von jemandem abhängig. Zufrieden mit dem, was immer die Gnade bringen mag, frei von den Gegensätzen, frei von Neid, gleich in Erfolg und Misserfolg ist er nie gebunden, obwohl er handelt.

Der Herr wohnt im Herzen aller Lebewesen, o Arjuna, und wirbelt sie durch seine unheimliche Kraft umher, als wären sie an ein karusellähnliches Universum montiert. Suche bei Ihm allein Zuflucht mit deinem ganzen Sein. Nur durch Seine Gnade wirst du diesen höchsten Frieden, die ewige Wohnstatt erlangen.«



Verweise auf »Gespräche mit Ramana Maharshi«



Talks with Sri Ramana Maharshi. - Sri Ramanasramam
gedruckt oder als kostenloser Download:
http://www.sriramanamaharshi.org/bookstall/downloadbooks.html

Aus Gespräch 112 (17.12.1935): über den Intellekt:


Der Engländer [Paul Brunton] erwähnte gelegentlich, dass es in vorgeschichtlicher Zeit zwar Spiritualität, aber keinen großen Intellekt gegeben habe. Dieser habe sich erst später entwickelt.
Sri Bhagavan wies darauf hin, dass es der Intellekt sei, der die Frage »Wessen Intellekt?« stelle. Die Antwort heiße: »Der Intellekt des Selbst«. Also ist der Intellekt ein Werkzeug des Selbst. Das Selbst nutzt den Intellekt, um die Vielfalt zu bemessen. Der Intellekt ist weder das Selbst noch vom Selbst getrennt. Nur das Selbst ist ewig. Der Intellekt ist lediglich eine Erscheinungsform. Die Leute sind der Ansicht, dass die Entwicklung der Daseinsformen die Entwicklung des Intellekts hervorgebracht hätte. Aber der Intellekt war schon immer da. Der Schöpfer schafft heute wie früher. Betrachte täglich deinen eigenen Zustand. Im traumlosen Schlaf gibt es keinen Intellekt, aber jetzt. Das kleine Kind besitzt keinen Intellekt. Er entwickelt sich erst mit den Jahren. Wie könnte der Intellekt sich zeigen, ohne dass sein Same im Tiefschlaf und im Kind vorhanden wäre? Warum muss man diese grundlegende Tatsache erst aus der Geschichte lernen? Der Wahrheitsgrad der Geschichte entspricht lediglich dem Wahrheitsgrad des Individuums.



Aus Gespräch 319 (7.1.1937): über den Gleichmut:

Frager: »[In der Bhagavad Gita] steht: ›Yoga ist Gleichmut.‹ Was ist mit diesem Gleichmut gemeint?«
Maharshi: »Einheit in der Vielfalt. Das Universum wird jetzt für vielfältig gehalten. Betrachte das Gemeinsame in allen Dingen! Wenn du das tust, folgt daraus natürlicherweise das Empfinden der Gleichheit in den Gegensätzen. Das ist üblicherweise damit gemeint, wenn von ›Gleichmut‹ gesprochen wird.«

1Krishna gilt als der Vernichter des Dämons Madhu (hier im Sinn von Vernichter der Unwissenheit)
2i.e. Arujuna
3ein abgegrenzter Bereich, der Körper, die Materie
4Gunas: die drei grundlegenden Neigungen: Reinheit, Leidenschaftlichkeit und Trägheit

Sonntag, 21. November 2010

Arunachala Pancharatna

Arunachala Pancharatna - Fünf Verse für Arunachala
s.a. ebook

Die fünf Bhakti-Verse, in denen Arunachala als Manifestation des höchsten Selbst verehrt wird, sind reich an Symbolik. Sri Ramana Maharshi hat sie 1917 auf Bitte von Ganapati Muni geschrieben. Von seinen fünf Gedichten für Arunachala ist es das letzte und einzige in Sanskrit.

Dies ist die deutsche Übersetzung von Arunachala Pancharatna, die Miles Wright aus dem Sanskrit ins Englische übertragen und kommentiert hat:




 Arunachala mit seinen fünf Bergspitzen von Miles Wright


1. Du Meer der Gnade
verschlingst dass vielfältige All in Deinem unendlichen Licht.
Oh Arunachala, höchstes Selbst, sei die aufgehende Sonne,
damit der Lotus des Herzens erblühe.


Viele sehen in Arunagiri (Arunachala) eine Verkörperung von Sat (Sein), der Wirklichkeit. Als solche steht Arunachala regungslos da und verbreitet unermessliche Gnade. Man muss nur den nach außen gerichteten Geist auf ihn hin lenken. So heißt es im Arunachala Mahatyam: »Wenn man Chidambaram sieht, in Kasi geboren wurde oder nur an Arunachala denkt, erlangt man die Befreiung.«

Ramana schrieb in einem Brief an Ganapati Muni: »Aham-Sphurana ist ein Zeichen der bevorstehenden direkten Erfahrung des Selbst. Wenn der reine Geist seine Aufmerksamkeit beständig darauf gerichtet hält, wird das nach unten gerichtete Herz nach oben gerichtet, erblüht und verbleibt als Gestalt des Selbst. Deshalb ist die Aufmerksamkeit auf die Quelle des Aham-Sphurana der einzige Weg. Wenn man sich ihr auf diese Weise widmet, bleibt einzig das Selbst, die Wirklichkeit, als ›ich bin ich‹ im Herzzentrum bestehen.«1

Wie die Sonne immer scheint, auch wenn wir sie nicht sehen, so erstrahlt Arunachala im Herzen aller Lebewesen als das Selbst, ungeachtet jeglicher eingeschränkter Sichtweise. Obwohl die Leben spendende Sonne immer da ist, geht sie scheinbar am Morgen auf und bringt die Lotosknospe zum erblühen, wenn sie reif ist und die trüben Gewässer hinter sich gelassen hat. Ebenso ist es hier. Obwohl die Gnade Arunachalas immer erstrahlt, scheint der Knoten des Herzens fest verschnürt zu sein, bis die reifende Wirkung von Atma Vichara (der Selbstergründung) den Geist reinigt und den unaufhaltsamen Sog in seine Quelle, das Herzzentrum, bewirkt. Dann erstrahlt das grenzenlose Licht des Selbst als vollständiges All wie immer, als ›ich bin ich‹. Das ist der Tagesanbruch, den der Devotee ersehnt. Die Gnade wird nie verliehen. Sie ist immer da. Wenn der Devotee sich sehr um die Verwirklichung bemüht und dabei die Wolke der Geisteskonzepte vertreibt, bleibt grenzenlose Gnade übrig.



2. Oh Arunachala, in Dir wird alles verschlungen,
das Bild der Erscheinungen, das erschaffen und erhalten wurde.
Du tanzt von Natur aus als ›Ich‹ im Herzen.
Man nennt dich ›Herz‹, oh Herr.


»Wie die Spinne ihr Netz aus ihrem eigenen Maul heraus spinnt und es dann wieder in sich selbst hineinzieht, bringt der Geist die Fülle der Welt hervor und zieht sie wieder in sich hinein.
Wenn sich der Geist dem Gehirn und den Sinnen zuwendet, drängen Gestalten und Namen von innen hervor. Wenn er im Herzen verweilt, kehren sie wieder dorthin zurück und liegen dort verborgen.«2

»Ich bin das Selbst, O Gudakesa, und wohne in den Herzen aller Lebewesen. Ich bin der Anfang, die Mitte und auch das Ende aller Lebewesen.«3

Die Welt existiert für beide, den Ajnani und den Jnani. Der Ajnani sieht nur die sichtbare, von sich selbst getrennte Welt, während der Jnani die gestaltlose Wahrheit versteht, die allen Dingen zugrunde liegt, das Zentrum, das keinen Umfang hat, die Quelle des Ich, die Grundlage und Stütze der sichtbaren Welt. Er versteht die Quelle seiner Identität und nennt sie ›Herz‹. Es ist das endgültige Ziel - Sat-Chit-Andanda (Sein-Bewusstsein-Seligkeit). Solange man an den Körper-Geist-Komplex glaubt, sieht man die vielfältige Welt als etwas von sich selbst Getrenntes. Wo aber wäre das Bild ohne die Leinwand, auf die es gemalt wurde?



3. Wer erforscht, wo das ›Ich‹ entsteht,
sich reinen Geistes nach innen wendet
und seine eigene Natur erkennt,
der geht in Dich ein, oh Arunachala, wie der Fluss ins Meer.


»Lass den Geist nicht ausschwärmen, indem du dich fragst: ‚Wer bist du?’ und ’Wer ist er?’ Wende ihn vielmehr nach innen und frage beständig und aufmerksam: ‚Wer bin ich?

Vögel in der Luft und Fische im Wasser hinterlassen keine Spur. Ebenso kann keiner den Weg der Weisen zum Selbst verfolgen.«4

Strahlend und still offenbart sich Arunachala - ein scheinbar empfindungsloser Berg - demjenigen, der ihn als Verkörperung des höchsten Selbst, das Selbst von allen, sieht und durch das reinigende Feuer von Atma Vichara (Selbstergründung) gegangen ist.

Atma Vichara ist das Mittel und das Ziel. Das Ich, das sich erhebt und wieder legt, ist nicht das wahre Ich. Es ist nichts weiter als die unbeständige Wolke, die wandert, sich verändert und sich schließlich entleert, wenn sie sich dem Berg nähert. Wenn der Geist rein wird, eilt er von selbst zu seiner Quelle, wie der Bergstrom zum Meer, und überwindet ohne Mühe alle Hindernisse auf dem Weg. Atma Vichara ist der reinigende Prozess, der den Geist von allen Unreinheiten (Geisteskonzepten) befreit. Nimm die Ergründung »Wer bin ich?« auf. Suche den Blender (das Ego-Ich). Am Ende ist er nirgends zu finden!



4. Der Yogi, der die äußeren Objekte zurückgewiesen hat
und mit beherrschtem Atem und Geist im Innern über Dich meditiert,
der sieht Dein strahlendes Licht, oh Arunachala,
und ist selig in Dir.


»Ein auf dem Wasser treibender Körper sinkt nicht ohne dass man nachhilft. Eine solche Hilfe ist die Atemkontrolle, die den Geist beruhigt. Doch der Geist muss wachsam bleiben und die Meditation muss unablässig fortgesetzt werden, selbst dann, wenn der Geist still geworden ist. Dann sinkt er ins Herz hinab. Man kann den im Wasser treibenden Körper auch beschweren, damit er sinkt. Ebenso lässt der Umgang mit Weisen den Geist ins Herz hinabsinken.«5

»Arunachala, du entwurzelst das Ego derer, die über Dich im Herzen meditieren.«6

Auf der Suche nach Freude strömt der Geist nach außen zu einem Objekt nach dem anderen. Er glaubt, auf diese Weise glücklich zu werden. Nachdem er an einer Sache vorübergehend sein Vergnügen gefunden hat, wandert er eilig zum nächsten und so fort und fort, immer auf der Suche nach dem schwer fassbaren Glück. Durch die Meditation über Sri Arunachalaramana (Atma Vichara) lernt man schließlich, so still zu sein, um den Denker (das Ego-Ich) festhalten zu können und schließlich ein für allemal [ins absolute Sein] zu sinken. Die wahre Natur des Glücks ist ›Selbst-offenbarend‹.

»Es gibt einen Raum im Herzen, der alles enthält. Feuer, Luft, Sonne, Mond und Sterne – alles existiert innen. Wenn wir den Geist mit seiner Fähigkeit zu bemessen und seinen Kategorien von Raum und Zeit überschreiten, finden wir die wahre Grundlage des Universums. Dort sind die Dinge nicht tote Materie, wie die westliche Wissenschaft uns so lange weisgemacht hat, sondern Leben und Intelligenz. Die Menschen im Westen haben sich jahrhundertelang nach außen der Welt der Sinne zugewandt und sich selbst im äußeren Raum verloren. Jetzt ist es an der Zeit, sich nach innen zu wenden und zu lernen, den inneren Raum im Herzen zu ergründen und diese lange und faszinierende Reise zum Zentrum zu unternehmen. Im Vergleich dazu ist die Erforschung des Mondes und der Planeten reines Kinderspiel.«7



5. Mit einem Geist, der Dir unterworfen ist,
betrachtet er stets alles als Deine Erscheinung.
Er verehrt und liebt nur Dich.
Er ist siegreich, oh Arunachala,
eingetaucht in Deine Seligkeit.


Im Narada Bhakti Sutra verkündet Narada in Sutra 35: »Die höchste Hingabe stellt sich nur ein, wenn man die sichtbare Welt - diese Trennung, in der man die gesehenen Dinge als Objekte des Egos bewertet – zurückweist und sich von der Anhaftung an Objekte völlig lossagt.«
Diese Hingabe (Bhakti) ist dasselbe wie die Selbstverwirklichung. Sie ist wunschlose Verehrung.

Frage: »Wie gibt man sich völlig dem Höchsten (Arunachala) hin?«
Antwort: »Wenn sich der Gedanke ›Ich tue das‹ erhebt, ist das keine Hingabe. Hingabe beendet alle Bemühungen. Solange du das Empfinden hast, dem Höchsten zu dienen, ist es immer noch keine Hingabe.«

»Das Handeln, das ohne Anstrengung geschieht, also unwillkürliches Handeln, bringt keine Bindung mit sich.
Selbst ein Jnani handelt und bewegt sich. Es gibt kein Handeln ohne Bemühen und eine Absicht (Sankalpas). Alle haben Absichten. Absichten sind von zweierlei Art: die eine ist bindend (Bandha-hetu) und die andere nicht bindend (Mukti-hetu). Erstere müssen wir aufgeben, letztere pflegen. Ohne vorausgehendes Handeln (Karma) gibt es keine Früchte und ohne eine dem Handeln vorausgehende Absicht (Sankalpas) kein Handeln.«8

Solange man sich an der Individualität festhält, steht man unter dem Einfluss von Genießendem und Handelndem. Wer sich wirklich hingegeben hat, hat keine Absichten mehr. Gib ›ich‹ und ›mein‹ auf. Die höchste Hingabe lebt von der Kraft der Meditation, die ermöglicht wird, wenn der Meditierende und das Objekt der Meditation sich nicht voneinander unterscheiden (wie in der Meditation ›Ich bin Er‹) Dieses Bhakti ist von Atma Vichara nicht verschieden. »Bhakti und Selbstergründung sind dasselbe. Das Selbst der Advaitins ist der Gott der Bhaktas9

»Wie sich das Salz im Meer auflöst und verschwindet, so bin ich im Körper verloren. Aber jetzt sehne ich mich danach, im Glanz Deiner Gnade aufzugehen. Iss mich, oh Herr, verdaue sowohl ›mich‹ als auch ›mein‹. Verwandle mein Sein völlig in Deinen wahren Leib, der Licht ist.«10



Kleines Glossar (eingefügt von Gabriele Ebert)

Advaitin
Anhänger des Advaita, der Lehre der Nicht-Zweiheit, d.h. das Absolute ist nicht zwei; die Grundlehre des Vedanta

Aham-Sphurana
das Pulsieren des »Ich-Ich« im Herzen, die Erfahrung des spirituellen Herzens

Atma Vichara
Selbstergründung, s. http://sites.google.com/site/ramanainfo/atmavichara

Bhakta
einer, der Bhakti übt; einer, der Gott (oder Gott in Gestalt des Gurus) liebt und ihm völlig hingegeben ist

Bhakti
Teilhabe, Hingabe; bezeichnet besonders die religiöse Liebe und Hingabe an Gott

(spirituelles) Herz (Hrdaya)
auf der rechten Seite der Brust ist der ›Sitz‹ der eigenen Ich-Identität. Doch das ›Herz‹ lässt sich nicht hierauf beschränken. Es ist das Zentrum des Seins von allem, das von keinem Umfang begrenzt wird.

Jnani
ein Mensch, der Erkenntnis erlangt hat

Ajnani
ein Mensch ohne Erkenntnis

1 Sri Ramanas Brief an Ganapati Muni in: The Mountain Path, April 1982
2aus Muruganar: Ramana Mandiram
3Bhagavad Gita, X,20
4aus Muruganar: Ramana Mandiram
5aus Talk 223
6Hochzeitsgirlande, Vers 1
7aus: Daily Reading with Bede Griffiths, Darton: Longman & Tod, 1990
8aus Talk 116
9aus Talk 274
10aus Muruganar: Ramana Mandiram

Freitag, 7. Mai 2010

Selbsterkenntnis (Atma-Vidya)

Indische Stachelbeeren
(Foto: http://en.wikipedia.org/wiki/Phyllanthus_emblica)



Selbsterkenntnis (Atma-Vidya)


Refrain:


Sieh, Selbsterkenntnis ist leicht,

sie ist ganz einfach.

Sogar für den ganz Schwachen

ist das Selbst so wirklich,

dass im Vergleich dazu eine Stachelbeere,

die man in der Hand hält,

eine reine Illusion ist.[1]


1. Wahr, stark und immer neu ist das Selbst.

Aus ihm entspringen die Phantome des Körpers und der Welt.

Wenn dieses Trugbild vernichtet ist

und keine Spur mehr davon übrig bleibt,

erstrahlt die Sonne des Selbst hell und wirklich

in der unermesslichen Weite des Herzens.

Die Dunkelheit stirbt, die Not hat ein Ende

und die Seligkeit steigt empor.


2. Der Gedanke »Ich bin der Körper« ist der Faden,

auf dem sich die verschiedenen Gedanken aneinanderreihen.

Wenn man sich nach innen wendet und fragt: »Wer bin ich

und woher kommt dieser Gedanke?«

verschwinden alle anderen Gedanken.

Das Selbst scheint dann von selbst

als ›Ich, Ich‹ in der Herzenshöhle.

Solches Selbst-Gewahrsein ist der einzige Himmel.

ist Stille, ist die Wohnstatt der Seligkeit.


3. Was nützt es, die Dinge zu erkennen

und nicht das Selbst?

Wenn man dagegen das Selbst erkennt,

was gibt es dann außerdem noch zu erkennen?

Dieses eine Licht, das in den vielen Lebewesen erstrahlt,

dieses Selbst als aufblitzendes Beusstsein

im Innern zu erkennen,

ist das Spiel der Gnade, der Tod des Egos,

und das Erblühen der Seligkeit.


4. Für jene, die sich aus den Banden des Karmas befreien

und den Geburten ein Ende bereiten wollen,

ist dieser Weg leichter als alle anderen Wege.

Bleib in dieser Stille, ohne Regung von Zunge, Geist und Körper,

und sieh den Glanz des Selbst im Innern.

Das ist die Erfahrung der Ewigkeit,

die Abwesenheit aller Furcht

und das weite Meer der Seligkeit.


5. Annamalai[2], du bist das Selbst,

das Auge hinter dem Auge des Geistes,

welches das Auge und alle anderen Sinne erkennt,

sowie den Himmel und die anderen Elemente.

Du bist das Sein, das den inneren Himmel im Herzen

enthält, enthüllt und wahrnimmt.

Wenn der gedankenfreie Geist sich nach innen wendet,

erscheint Annamalai als mein eigenes Selbst.

Zwar ist Gnade nötig und wir müssen Liebe hinzufügen.

Doch dann steigt die Seligkeit empor.


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Collected Works, 9. Aufl., 2004, S. 134f


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Muruganar hat den Refrain des Liedes geschrieben. Darin sagt er, dass nichts so offensichtlich und unmittelbar erfahrbar sei wie das Selbst. Um das zu erläutern, zieht er das bekannte klassische indische Beispiel von der Stachelbeere heran. Wenn man eine solche Stachelbeere in den Händen hält, ist sie für jeden erkennbar. Dennoch ist für diese Erkenntnis die Frucht, die Hand, die sie fühlt, die Augen und nicht zuletzt der Sehende nötig, der erkennt, dass es sich um eine Stachelbeere handelt. Die Erkenntnis ist also nur mittelbar und basiert auf dem alles umfassenden Selbst. Das Selbst dagegen ist unmittelbar erkennbar und braucht nichts, was es enthüllt. Deshalb ist im Vergleich zum Erkennen des Selbst das Erkennen der Stachelbeere, die man in Händen hält, eine reine Illusion.


Muruganar kam er an dieser Stelle nicht mehr weiter und bat Ramana, die fehlenden Verse zu ergänzen. Ramana führte das Thema weiter aus und so entstand am 27. April 1927 das Lied ›Atma-Vidya‹. Atma = das Selbst und Vidya = Erkenntnis, Wissen.



[1] Der Vergleich mit der Stachelbeere wird gern herangezogen, um zu verdeutlichen, dass etwas offensichtlich ist.

[2] Annamalai = Arunachala, bedeutet in diesem Kontext ›Gott

Samstag, 3. Oktober 2009

Über die Wirklichkeit: 40 Verse mit Ergänzungsversen

Einführung der Übersetzerin:

Sri Ramana Maharshi schrieb wenig, und das auch nur, wenn andere ihn darum baten. So entstanden diese 40 Verse etwa 1928 auf Drängen von Muruganar hin. Ramana verfasste sie in seiner Muttersprache Tamil und nannte sie Ulladu Narpadu. Ulladu bedeutet, das was ist, was existiert, was wirklich ist und Narpadu bedeutet vierzig. Deshalb kann man übersetzen: Vierzig Verse über die Wirklichkeit oder über das, was ist.

Ramana selbst erzählt folgendes über ihre Entstehungsgeschichte:
»Ich hatte bei verschiedenen Gelegenheiten einzelne Verse gedichtet. Muruganar meinte, man müsse verhindern, dass sie verloren gingen und ich möge noch einige Verse ergänzen, damit es insgesamt 40 Verse werden würden, die man dann unter einem geeigneten Titel veröffentlichen könnte. Ich dichtete, wann immer ich dazu in Stimmung war. Als wir die 40 beisammen hatten, löschte Muruganar einen Vers nach dem anderen aus der ersten Sammlung unter dem Vorwand, sie würden nicht recht zum Thema passen, und bat mich, dafür neue Verse zu schreiben. Als schließlich die 40 wieder voll waren, bemerkte ich, dass sie nur noch zwei Verse aus der ersten Sammlung enthielten und dass ich alles andere neu gedichtet hatte. Ich hatte die Verse nicht geplant und sie nicht fortlaufend und systematisch geschrieben. Ich hatte lediglich bei verschiedenen Anlässen einige Verse gedichtet und Muruganar und andere hatten sie nachträglich in eine thematische Reihenfolge gebracht.«[1]

Es waren etwa 20 Verse, die Muruganar aus der alten Sammlung herausgenommen hatte. Diese wurden als Ergänzung zu den 40 Versen (Ulladu Anubandham) zusammengefügt und später ebenfalls auf 40 Verse erweitert. Sie sind zum Großteil keine eigenen Dichtungen Ramanas, sondern seine Übersetzungen von berühmten Sanskritversen aus dem Yoga Vasishta, von Shankara und aus anderen Werken, die er hilfreich fand.

Die Verse sind lose aneinandergehängt. Zuweilen ergeben einige Verse einen Zusammenhang, dann wieder wechselt unvermittelt das Thema. Der Grund dafür liegt in ihrer Entstehungsgeschichte. Dennoch ergeben sie ein rundes Ganzes der Lehre Ramanas und eignen sich hervorragend dafür, sie immer wieder zu überdenken. ›Wer bin ich?‹ und ›Die Quintessenz der spirituellen Unterweisung‹ (Upadesa Saram) sind weitere Werke Ramanas, die mit diesem Büchlein eng verwoben sind.

Ulladu Narpadu ist ein poetisches Werk im Venba-Mentrum, das Ramana gerne verwendete. Jeder Vers hat 4 Zeilen, wobei die ersten drei Zeilen aus vier und die letzte Zeile aus drei Füßen bestehen. Es ist ein rhythmischer Text, der im Ramanashram regelmäßig rezitiert bzw. gesungen wird.

Als Grundlage meiner Übersetzung habe ich Robert Butlers sehr ausführliche Ausarbeitung aus dem Tamil verwendet, die sowohl Struktur der Sätze als auch Wortbedeutung ausführlich erklärt. Ich habe aber auch andere englische Übersetzungen hinzugezogen wie Lakshmana Sarmas ›Revelation‹, die Übersetzung von Prof. Swaminathan in den ›Collected Works‹ und einige weitere. Als Kommentar dienen Gespräche, die Ramana mit seinen Anhängern und Besuchern führte und in denen er seine Lehre immer wieder erläutert.

Es gibt zwei ältere Übersetzungen ins Deutsche. Die eine stammt von dem Indologen Heinrich Zimmer und ist in seinem Buch ›Der Weg zum Selbst‹ zu finden. Die andere stammt von Lucy Cornelssen (Mata Satyamayi): ›Über das Selbst: Vierzig Verse‹. Es liegt allerdings bislang noch keine deutsche Übertragung der 40 Ergänzungsverse vor.

Nanyar, der Upadesa Saram übersetzt und kommentiert hat, malt abstrakte Bilder. Ich habe mir aus seinem Fundus diese inspirierenden Bilder zusammengesucht, die sich hervorragend in die Vierzig Verse einfügen. Ich danke ihm, dass er mir dafür seine Einwilligung gegeben hat.

Gabriele Ebert

[1] Mudaliar: Day by Day, 7.12.1945

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Der Text der 40 Verse:

Einleitungsverse:

Kann es ein Existenzempfinden geben ohne etwas, das ist? Da diese Wirklichkeit frei von allen Gedanken im Herzen wohnt, wer könnte über sie, die ›das Herz‹ heißt, nachdenken und auf welche Weise? Über sie nachzudenken bedeutet, mit ihr im Herzen eins zu sein.

Reife Menschen, die in großer Todesfurcht leben, nehmen Zuflucht zu Füßen des Höchsten Herrn, der weder Geburt noch Tod kennt. Durch ihre Hingabe werden ihr Ego und ihre Anhaftungen ausgelöscht. Wie können sie, die im Unsterblichen ihre Bleibe gefunden haben und daher tot sind, noch an den Tod denken?

Text:

1. Da wir die Welt wahrnehmen, steht es außer Frage, dass es eine Erste Ursache gibt, eine kreative Energie (Shakti), die sich mannigfach manifestiert. Das Bild, das aus Namen und Formen besteht, der Betrachter, die Leinwand und das Licht, das sie beleuchtet, all das ist das Selbst.

2. Alle Religionen setzen drei Grundlagen voraus: [Gott, Mensch und Welt]. Die Debatte, ob sich eine erste Ursache als diese drei manifestiert oder ob diese drei auch drei verschiedene Dinge sind, dauert an, solange das Ego-Ich besteht. Doch der höchste Zustand ist, im wahren Selbst zu verbleiben, nachdem das Ego-Ich sein Ende gefunden hat.

3. Wozu nützt die Diskussion, ob die Welt wirklich oder lediglich eine unwirkliche Erscheinung ist, ob ihr Bewusstsein eigen ist oder nicht, ob sie Glück oder Leid bedeutet? Der egolose Zustand, der diese dualistischen und nicht-dualistischen Überzeugungen überschreitet, in dem man die Welt lässt und sich selbst durch Ergründung erkennt, ist allen lieb und teuer.

4. Wenn wir selbst eine Gestalt haben, dann folgt daraus, dass auch die Welt und das Höchste eine Gestalt haben. Wenn wir jedoch gestaltlos sind, wer könnte dann ihre Gestalten sehen und auf welche Weise? Kann denn das Gesehene von anderer Natur sein als das Auge? Dieses Auge ist in Wahrheit das Selbst, das grenzenlose Auge.

5. Der Körper besteht aus fünf Hüllen[1]. Sie alle sind gemeint, wenn man vom ›Körper‹ spricht. Gibt es unabhängig vom Körper eine Welt? Sag, hat schon jemals jemand die Welt gesehen, der keinen Körper hat?

6. Die Welt besteht aus nichts anderem als aus den Sinnesobjekten (dem Gesehenen, Gerochenen, Geschmeckten, Gehörten und Getasteten). Sie werden durch die fünf Sinne (Augen, Nase, Mund, Ohren, Haut) wahrgenommen. Da der Geist die Welt nur mittels der fünf Sinne wahrnimmt, sag, kann es dann ohne den Geist eine Welt geben?

7. Obwohl Welt und wahrnehmender Geist gemeinsam auftauchen und wieder verschwinden, tritt die Welt erst durch die Wahrnehmung in Erscheinung. Das Vollkommene erstrahlt, ohne dass es auftaucht und wieder verschwindet. Dieser Ort, in dem Welt und Geist auftauchen und verschwinden, ist das einzig Wirkliche.

8. Mit welchem Namen und in welcher Form du auch die absolute Wirklichkeit verehrst, es ist ein Weg zum Vollkommenen, das ohne Namen und Form ist. Doch solltest du dein eigenes wahres Selbst in Ihm, dem höchsten Sein, erkennen, in Ihn eingehen und eins mit Ihm sein. Das ist die wahre Erkenntnis der Wahrheit.

9. Alle Zweiheit und Dreiheit beruhen auf dem Ego. Wenn man untersucht »Wer ist dieses Ego?«, verschwinden sie und man erkennt die Wahrheit. So jemand ist ein Weiser. Ihn verwirren diese Dinge nicht mehr. Das solltest du wissen.

10. Ohne Nichtwissen gibt es kein Wissen und ohne Wissen kein Nichtwissen. Wenn man fragt: »Wer ist es, der weiß und nicht weiß?« und das Selbst, die Quelle von beidem erkennt, ist das die wahre Erkenntnis.

11. Wenn man alle Objekte [die ganze Welt] kennt, aber nicht sich selbst (den Erkennenden), ist das Unwissenheit. Wenn man sein wahres Selbst erkennt, das die Grundlage des mittelbaren Wissens und Nichtwissen ist, finden sowohl Wissen als auch Nichtwissen ihr Ende.

12. Wahre Erkenntnis ist frei von Wissen und Nichtwissen. Das mittelbare Wissen von Objekten kann nicht die wahre Erkenntnis sein. Das Selbst erstrahlt immer aus sich selbst, ohne dass es etwas gäbe, das Es erkennen und von dem Es erkannt werden könnte [i. e. ohne die Beziehung von Subjekt und Objekt]. Dennoch ist es die wahre Erkenntnis und keine Leere. Das solltest du wissen.

13. Das Selbst ist Erkenntnis (Jnana) und ist das einzig Wirkliche. Das Wissen von diesem und jenem (vom Mannigfachen) dagegen ist Nichtwissen. Dieses Nichtwissen ist unwirklich, denn es kann nicht ohne das Selbst, das Erkenntnis ist, existieren. Oder können etwa die vielerlei Schmuckstücke unabhängig vom Gold existieren, sag?

14. Wenn die erste Person (ich) existiert, existieren auch die zweite und dritte Person (du, er, sie, es). Doch wenn man die Wirklichkeit dieser ersten Person hinterfragt, wird sie vernichtet und damit hören auch die zweite und dritte Person zu existieren auf. Was dann als Eines erstrahlt, ist unsere wahre Natur, das wahre Selbst.

15. Vergangenheit und Zukunft basieren auf der Gegenwart. Während sie sich ereignen, sind auch sie Gegenwart. Also existiert nur die Gegenwart. Wenn man Vergangenheit und Zukunft ergründen will und sich dabei der Wirklichkeit des Jetzt nicht vergewissert, ist es, als ob man ohne die Eins zählen wollte.

16. Gibt es Raum und Zeit ohne uns? Wenn wir der Körper sind, sind wir in Raum und Zeit gefangen. Doch sind wir der Körper? Wir sind dieselben, jetzt, damals und für immer, hier, dort und überall. Wir existieren und wir sind raum- und zeitlos.

17. Für jene, die das Selbst erkennen und für jene, die es nicht erkennen, ist der Körper ›ich‹. Für jene, die es nicht erkennen, ist das Ich lediglich auf den Körper beschränkt. Für jene, die das Selbst im Körper erkennen, erstrahlt das Ich als das unbegrenzte Selbst. Wisse, dass das der Unterschied zwischen beiden ist.

18. Die Welt ist wirklich für jene, die das Selbst erkennen und für jene, die es nicht erkennen. Für jene, die es nicht erkennen, ist die Welt (aus Namen und Formen) das Maß der Wirklichkeit. Für jene, die es erkennen, erstrahlt die Wirklichkeit unbegrenzt als die Grundlage der Welt. Wisse, dass das der Unterschied zwischen beiden ist.

19. Nur jene diskutieren darüber, ob Schicksal oder Willensfreiheit die Oberhand gewinnt, die die Ursache von beidem, nämlich das Ich, nicht erkennen. Jene, die es als den gemeinsamen Ursprung von Schicksal und Willensfreiheit erkennen, sind von beidem befreit. Sag, werden sie sich jemals wieder darin verstricken?

20. Wenn man Gott sieht und dabei sich selbst als den Sehenden außer Acht lässt, ist das nur eine geistige Projektion. Kann man überhaupt sagen, dass derjenige, der das Selbst sieht, wahrhaft Gott, seinen Ursprung, sieht? Jener, der das Ego-Ich verloren hat, ist nicht mehr von Gott verschieden.

21. Was ist damit gemeint, wenn es in vielen gelehrten Werken heißt, dass das Ego-Ich das Selbst bzw. Gott sieht? Wie könnte man sein eigenes Selbst sehen, da man doch nur eines ist? Und wie könnte man Gott sehen? Beides ist nur möglich, indem man seine Beute wird.

22. Es ist das Licht des Herrn, das den Geist erhellt. Wie könnte man mit dem geborgten Licht des Geistes das Licht allen Lichtes erkennen, ohne den Geist nach innen zu wenden und sich mit Ihm zu vereinigen, sag?

23. Dieser Körper sagt nicht »ich«. Und keiner behauptet, dass er während des Tiefschlafs nicht existiert. Erst nachdem das Ich aufgetaucht ist, taucht auch alles andere auf. Forsche mit einem konzentrierten Geist nach der Quelle, aus der dieses Ich entsteht.

24. Dieser grobstoffliche Körper sagt nicht »ich«. Sein und Bewusstsein (Sat-Chit, das Selbst) ist nichts, was entsteht und verschwindet. Aber zwischen beidem entsteht dieses Ich, das auf den Körper beschränkt ist. Das ist der Knoten zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten, Bindung, Jiva, subtiler Körper, Ego, Samsara (die weltlichen Bedingungen unserer Existenz) und der Geist.

25. Dieses Phantom-Ego, das keine eigene Gestalt besitzt, entsteht, indem es eine Gestalt (einen Körper) ergreift. Es hält sich am Leben, indem es an ihr festhält, nährt sich von den Sinnesobjekten und gewinnt so an Stärke. Wenn es die eine Gestalt im Tod verlässt, ergreift es dafür eine andere. Doch wenn du nach ihm suchst, ergreift es die Flucht. Das solltest du wissen.

26. Wenn sich das Ich erhebt, erhebt sich auch alles andere. Ist es nicht da, ist auch nichts anderes da. Das Ich ist wahrlich alles. Wenn man deshalb erforscht: »Was ist dieses ›Ich‹?«, dann wird man das alles los. Das solltest du wissen.

27. Im Zustand, in dem sich das Ich nicht erhebt, sind wir DAS. Wenn man nicht den Ursprung dieses Ich erforscht, wie kann man es da endgültig loswerden, so dass es sich nicht mehr erhebt? Und wenn man das nicht erreicht, wie kann man dann in seinem ursprünglichen Zustand, in dem man DAS ist, fest gegründet sein, sag?

28. Wie jemand tief hinabtaucht, um etwas zu finden, das ins Wasser gefallen ist, so muss man mit konzentriertem Geist tief in sich selbst hinabtauchen und Sprechen und Atmen kontrollieren, um den Ursprung zu entdecken, von wo das Ich sich erhebt. Das solltest du wissen.

29. Sag nicht (laut) »ich«, sondern suche mit einem nach innen getauchten Geist, wo dieses Ich entspringt. Das allein ist der Weg der Erkenntnis. Es kann zwar hilfreich sein, wenn man denkt: »Ich bin nicht dies [i. e. der Körper]. Ich bin DAS [Brahman]«, doch ist das Selbstergründung?

30. Wenn der Geist sich nach innen wendet und erforscht: »Wer bin ich?« und das Herz erreicht, neigt das Ich schamvoll sein Haupt und das Eine erscheint spontan als »Ich-Ich«. Doch obwohl es auf diese Art erscheint, ist es nicht das Ego-Ich, sondern die vollkommene Wirklichkeit, das wahre Selbst.

31. Was gibt es für jenen noch zu tun, dessen Ich zerstört ist und der die Seligkeit des Selbst genießt, die daraus entsteht? Er kennt nichts, was vom Selbst verschieden wäre. Sag, wer könnte seinen Zustand begreifen?

32. Die heiligen Schriften verkünden: »Ich bin DAS.« Wenn man jedoch nur meditiert: »Ich bin DAS, ich bin nicht jenes«, anstatt dass man das Selbst durch die Ergründung erkennt und in jenem Zustand verweilt, zeugt das von geistiger Unreife, da man immer das Selbst ist.

33. Zu sagen: »Ich habe mich nicht erkannt« oder »ich habe mich erkannt« ist lächerlich. Warum? Gibt es etwa zwei Selbste, so dass das eine von ihnen aus dem anderen ein Objekt machen könnte, wo doch jeder sich als ein einziges Sein erfährt?

34. Anstatt die Wahrheit zu kennen, die beständig im Herzen eines jeden wohnt, und dort zu verweilen, zu disputieren: »Es existiert, Es existiert nicht, Es hat eine Gestalt, Es ist gestaltlos, Es ist eines, Es ist zwei, Es ist nichts von beidem« ist Unwissenheit und Verblendung.

35. »Siddhi bedeutet, das wahrzunehmen, was man immer schon erlangt hat, und darin zu verweilen. Alle anderen Siddhis sind reine Traum-Siddhis. Sind sie noch wirklich, wenn man vom Schlaf erwacht? Können jene, die in ihrem wahren Zustand bleiben und von aller Verblendung frei sind, sich noch von ihnen irreführen lassen? Das solltest du bedenken.«

36. Wenn wir glauben, dass wir der Körper sind, ist der Gedanke: »Nein, das sind wir nicht. Wir sind DAS« hilfreich, um als DAS zu verweilen. Doch warum sollen wir immerzu denken, dass wir DAS sind, da wir DAS doch immer sind? Denkt denn ein Mensch immerzu, dass er ein Mensch ist?

37. Die Behauptung: »Während der Übung ist man in Zweiheit (Dvaita) und wenn man verwirklicht hat in Einheit (Advaita)« ist falsch. Man ist, wie in der Parabel, der vermisste zehnte Mann, sowohl während man ihn bange sucht, als auch wenn man herausfindet, dass man es selber ist.

38. Wenn wir die Täter unseres Tuns sind, müssen wir auch dessen Früchte verkosten. Doch wenn wir fragen: »Wer ist der Handelnde?« und das Selbst erkennen, verschwindet dieses Gefühl, der Handelnde zu sein, und auch die drei Karmas fallen von uns ab. Das ist der Zustand der Befreiung, der ewig währt.

39. Solange man denkt, dass man gebunden ist, besteht auch die Vorstellung von Bindung und Befreiung. Wenn man untersucht: »Wer ist gebunden?«, bleibt das Selbst übrig, das man immer schon erlangt hat und das immer frei ist. Wenn der Gedanke an Bindung nicht bestehen kann, wie könnte der Gedanke an Befreiung überleben?

40. Es gibt dreierlei Lehrmeinungen über die Art der Befreiung: mit Form, ohne Form oder beides. Ich aber sage, dass die Vernichtung des Egos, das zwischen den drei Arten unterscheidet, die Befreiung ist. Das solltest du wissen.

[1] die Hüllen aus Nahrung, Lebenskraft, niederer Geist (Sprachvermögen, Handeln, Wünsche, Absichten, Vorstellungen, Zweifel usf.), höherer Geist (Vernunft und Intuition) und die Hülle der Glückseligkeit (wie im Tiefschlaf oder Samadhi). Mit dem Körper ist nicht nur der materielle Leib gemeint, sondern auch alle geistigen Bereiche.

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Anhang zu den Vierzig Versen (Anubandham):

Eröffnungsvers:

Das, was diese Welt unterhält und beseelt, woraus sie entsteht, wozu sie besteht, wodurch sie in Erscheinung tritt und was sie wirklich ist, ist das einzig Wirkliche. Bewahre dir diese Wahrheit als geheimen Schatz im Herzen.
(Yoga Vasishta)

Text:

1. Wenn man in Gesellschaft von Weisen ist, verschwinden die Anhaftungen (an die Objekte der Welt) und damit die Illusion (dass man der Körper sei). Dadurch wird man eins mit der unveränderlichen Wirklichkeit und erlangt schließlich die Befreiung, während man noch lebt (Jivan Mukti). Suche deshalb Umgang mit den Weisen.
(Shankara: Bhaja Govindam)

2. Nicht indem man Predigern zuhört, noch durch intellektuelles Bücherstudium und auch nicht durch verdienstvolle Taten oder durch irgendein anderes Mittel kann man den höchsten Zustand erreichen und den Geist ins Herz hinabtauchen, sondern nur durch die Suche nach dem Selbst, die durch den Umgang mit den Weisen angespornt wird.
(Yoga Vasishta[1])

3. Wenn man Umgang mit Weisen pflegt, wozu muss man dann noch die vielen Regeln der Selbstzucht einhalten? Sag mir, wozu ist der Fächer da, wenn der kühle Südwind bläst?
(Yoga Vasishta)

4. Der kühlende Mondschein überwindet die Hitze (des Tages). Der Kalpaka-Baum[2] erfüllt die Wünsche und der heilige Fluss Ganges befreit von Sünde. Doch durch den Anblick des Weisen ergreifen alle drei Übel (Hitze, Wünsche und Sünde) die Flucht. Es gibt nichts, was sich damit vergleichen ließe.
(Subhashita Ratna Bhandagara)

5. Die heiligen Flüsse bestehen nur aus Wasser und Götterfiguren aus Stein und Lehm sind bei Weitem nicht so machtvoll wie die Weisen. Es dauert lange, bis ein Mensch, der sie verehrt, dadurch einen reinen Geist erlangt, während er beim Anblick eines Weisen sofort rein wird.
(Srimad Bhagavatam)

6. Schüler: »Wer ist Gott?«
Meister: »Jener, der den Geist erkennt.«
Schüler: »Aber das bin ja ich.«
Meister: »Deshalb bist du selber Gott (und kein Individuum). Auch die heiligen Schriften erklären, dass Gott in allen Kreaturen das eine Selbst ist.«
(ein Sanskritvers)

7. Meister: »Welches Licht ermöglicht es dir, dass du Objekte wahrnehmen kannst?«
Schüler: »Tagsüber ist es die Sonne und nachts eine Lampe.«
Meister: »Und womit nimmst du die Sonne und die Lampe wahr?«
Schüler: »Mit den Augen.«
Meister: »Und welches Licht erhellt die Augen?«
Schüler: »Es ist der Verstand.«
Meister: »Und welches Licht erhellt den Verstand?«
Schüler: »Das bin ich.«
Meister: »Dann bist du selbst das Licht allen Lichtes.«
Schüler: »Ja, Das bin ich.«
(Shankara: Eka Sloki)

8. Mitten in der Höhle des Herzens scheint allein Brahman. Es strahlt dort als Atman, das Selbst, und wird unmittelbar als »Ich-Ich« erfahren. Dringe ein in dieses Herz, indem du Selbstergründung übst oder mit einem kontrollierten Atem tief nach innen tauchst und bleibe beständig im Selbst.
(Ramana)

9. Das reine und beständige Bewusstsein wohnt im Herzenslotus als das wahre Ich und gewährt die Befreiung, wenn das Ego-Ich beseitigt wird.
(Devikalottaram, V. 46)

10. Der Körper ist empfindungslos wie alles, was aus Erde gemacht ist, und hat kein Ich-Bewusstsein. Zudem erfahren wir unsere wahre Natur im Tiefschlaf, in dem kein Körperbewusstsein da ist. Aus diesen beiden Gründen kann der Körper nicht ›ich‹ sein. Wer aber ist dieses Ich? Von woher kommt es? In der Höhle des Herzens derer, die dies ergründen, erstrahlt der Herr Arunachala, als reines Ich.
(Ramana)

11. Wer ist es, der wirklich geboren wurde? Nur jener, der fragt: »Woher komme ich?« wird wahrhaft in Brahman, seinem eigenen Ursprung geboren. Er ist ein für alle Mal geboren. Er ist der Herr aller Heiligen und immer neu.
(Ramana)

12. Wirf die Vorstellung von dir, dass du dieser empfindungslose und unvollkommene Körper bist und suche die immerwährende Seligkeit des Selbst. Wenn man das Selbst sucht, indem man diesen vergänglichen Körper hegt und pflegt, ist das, als würde man versuchen, einen Fluss zu überqueren, indem man sich an einem Krokodil festklammert, das man für ein Floß hält.
(Der erste Teil stammt von Ramana, der zweite Teil aus dem Vivekachudamani.)

13. Wenn man Wohltätigkeit übt, Buße tut, Opfer darbringt, seine Pflichten erfüllt, Yoga und Bhakti übt mit dem Ziel, den Himmel, die Wirklichkeit, Friede, Wahrheit, Gnade, Stille, Stabilität, den todlosen Tod, Erkenntnis, Entsagung, Befreiung und Seligkeit zu erlangen, bedeutet das nichts anderes als dass man damit aufhört, den Körper für das Selbst zu halten.
(Ramana)

14. Die Erforschung, wem Handlung (Karma), fehlende Hingabe (Vibhakti), Getrenntheit von der Wirklichkeit (Viyoga) und Verblendung (Ajnana) angehören ist alleine Karma, Bhakti, Yoga und Jnana[3]. Wenn man das ergründet, verschwindet das Ego und man verbleibt als das Selbst, in dem es weder den Sucher noch die vier Yogaarten gibt.
(Ramana)

15. Manche Dummköpfe verstehen nicht, dass sie von einer Kraft (Shakti) bewegt werden, die nicht ihre eigene ist und wollen Wunderkräfte erlangen. Ihre Possen sind wie die Prahlerei eines Krüppels, der zu seinen Freunden sagt: »Wenn ihr mich nur auf meine Beine stellt, dann werdet ihr schon sehen, wie ich den Feind besiege.«
(Ramana)

16. Da der Geistesfriede die wahre Befreiung ist und man ohne die Aktivität des Geistes keine Wunderkräfte erlangen kann, wie können dann jene, die auf solche Kräfte erpicht sind, die Seligkeit der Befreiung erlangen, die das Ende aller Betriebsamkeit des Geistes bedeutet?
(Ramana)

17. Obwohl Gott die Last der Welt trägt, tut das falsche Ich so, als würde es sie tragen, wie die Figur am Tempelturm, die den ganzen Turm auf ihrem Kopf zu tragen scheint. Wer ist daran schuld, wenn der Reisende sein Gepäck nicht im Wagen ablegt, der jede Last tragen kann, sondern es auf dem Kopf behält und darunter leidet? (Ramana)

18. Zwischen den Brustwarzen, im unteren Brustbereich über dem Magen sind sechs Organe von verschiedener Farbe. Eine davon ist das Herz. Es gleicht einer Lilienknospe und liegt von der Mitte der Brust aus zwei Fingerbreit rechts.
(Ashtanga Hridayam)

19. Es ist geschlossen. In seinem Innern herrscht tiefste Finsternis. Es ist voller Wünsche und Neigungen (Vasanas). Alle großen Nervenbahnen hängen von ihm ab. Es ist die Wohnstatt der Lebensenergie, des Geistes und des Bewusstseins.
(Ashtanga Hridayam)

20. Der Herr, der im Innern der Herzenshöhle wohnt, ist der Herr der Herzenshöhle. Wenn sich durch die Meditation: »Ich bin Er, Ich bin der Herr der Herzenshöhle« die Gewissheit, dass du Er bist, festigt, wenn sie so beständig wird wie deine gegenwärtige Vorstellung, dass du der Körper bist, weicht diese Unwissenheit wie die Dunkelheit vor der aufgehenden Sonne.
(Ramana)

21. Als Rama fragte: »Sage mir, was ist das Herz, das allen Lebewesen innewohnt und in dem, wie in einem großen Spiegel, die ganze Welt als Reflexion außen wahrgenommen wird?«, antwortete Vasishta: »Wir müssen verstehen, dass alle Lebewesen zwei verschiedene Herzen haben.»
(Yoga Vasishta)

22. »Das eine sollte man annehmen, das andere zurückweisen. Höre, worin sie sich unterscheiden. Das Herzensorgan des physischen Körper muss man zurückweisen. Das Herz, das die Gestalt des reinen Bewusstseins ist, muss man annehmen. Es ist sowohl innen als auch außen und hat doch kein Innen und Außen.«
(Yoga Vasishta)

23. »Das ist das wirkliche Herz. In ihm ruht die ganze Welt. Es ist der Spiegel, in dem wir alle Dinge sehen. Es ist die Quelle allen Reichtums. Dieses Bewusstsein ist das Herz aller Lebewesen. Das Herz ist kein Teil des vergänglichen, unbewussten Körpers.«
(Yoga Vasishta)

24. »Wenn man das Ego durch die Selbstergründung beständig im Herzen hält, das reines Bewusstsein ist, werden die Neigungen des Geistes (Vasanas) bezwungen und der Atem wird kontrolliert.«
(Yoga Vasishta)

25. Indem man beständig im Herzen meditiert: »Dieses reine, an keine Bedingungen und Beschränkungen geknüpfte Bewusstsein ist Shiva und Das bin ich«, beseitigt das alle Anhaftungen des Egos.
(Devikalottaram)

26. Wenn du die verschiedenen Seinszustände (von Wachen, Traum und Tiefschlaf) untersucht und den Zustand der Höchsten Realität fest ergriffen hast, dann spiele deine Rolle in der Welt. Du kennst die Wahrheit, die im Herzen aller Erscheinungen wohnt. Ohne dich von dieser Wirklichkeit abzuwenden, spiele deine Rolle in der Welt, als ob du sie lieben würdest.
(Yoga Vashishta)

27. Mit scheinbarer Begeisterung und Freude, mit Eifer und Missfallen, Initiative und Durchhaltevermögen, spiele deine Rolle in der Welt, doch ohne daran zu haften. Befreit von allen Banden der Anhaftung und mit einem gleichmütigen Geist handle in allen Situationen, wie es angemessen ist. Spiele deine Rolle in der Welt wie es dir beliebt.
(Yoga Vashishta)

28. Wer durch die Erkenntnis des Selbst in der Wahrheit gefestigt ist und die fünf Sinne überwunden hat ist das Feuer der Weisheit, der Herr des Gewitters der Selbst-Erkenntnis, der Überwinder der Zeit und der Held, der den Tod besiegt hat.
(Yoga Vasihstha)

29. Wenn der Frühling kommt, werden die Bäume immer grüner und schöner. Ebenso ist es mit jemandem, der die Wahrheit erkannt hat. Er gewinnt an Ausstrahlung, Intelligenz und Kraft.
(Yoga Vasihstha)

30. Jemand, dem man eine Geschichte erzählt, während er mit den Gedanken woanders ist, hört nicht wirklich zu. Ebenso ist der Geist des Weisen, der frei von Anhaftung ist, inaktiv, während er handelt. Derjenige jedoch, dessen Geist voller Anhaftung ist, ist aktiv, auch wenn er nichts tut. Er ist wie der Schläfer, der unbeweglich im Bett liegt und träumt, dass er einen Berg erklimmt und in den Abgrund stürzt.
(Yoga Vasihstha)

31. Dem Reisenden, der im Wagen schläft, ist es einerlei, ob sich der Wagen bewegt, ob er still steht oder ob die Tiere ausgespannt werden. Genauso ist es auch dem Weisen einerlei, der im Wagen seines Körpers schläft, ob er handelt, meditiert oder schläft.
(Ramana)

32. Wenn man die Zustände von Wachen, Träumen und Tiefschlaf untersucht, entdeckt man, dass es einen Zustand jenseits von diesen dreien gibt, einen Vierten Zustand, eine Art Wach-Schlaf, der Turiya heißt. Weil das alleine der wirkliche Zustand ist und die drei anderen rein illusorisch sind, ist der Vierte Zustand der des transzendentalen Seins.
(Ramana)

33. Wenn man sagt, dass der Jnani zwar Prarabdha (das gegenwärtige Karma) hat, aber kein vergangenes und zukünftiges Karma, ist das nur die Antwort auf die entsprechende Frage. Genauso wenig wie eine der drei Frauen, deren gemeinsamer Mann gestorben ist, der Witwenschaft entkommen kann, können die drei Arten von Karma bestehen bleiben, wenn der Täter verschwunden ist.
(Ramana)

34. Das einfache Volk hat nur eine Familie bestehend aus Frau, Kindern und anderen, die von ihnen abhängig sind. Aber im Geist der Gelehrten tummeln sich viele Familien von Büchern, Theorien und Meinungen als Hindernisse auf dem spirituellen Weg.
(Subhashita Ratna Bhandagara)

35. Was nützt den Gelehrten die Kenntnis der Schriften, wenn sie nicht versuchen, die Schrift des Schicksals durch die Ergründung: »Woher komme ich?« auszulöschen? Oh Herr Arunachala, was sind sie anderes als Grammophone?
(Ramana)

36. Die Ungebildeten werden eher gerettet als die Gelehrten, die ihr Ego nicht unterworfen haben. Sie bleiben von den Klauen des Dämons Stolz, von den krankhaft umherwirbelnden Gedanken und Worten und vom Streben nach Ehre bewahrt. Sie bleiben nicht nur von einer, sondern von vielen Krankheiten bewahrt.
(Ramana)

37. Wenn ein Mensch die Welt gering schätzt, als wäre sie nur ein Bündel Stroh und die heilige Überlieferung in Händen hält, dabei aber der gemeinen Hure Schmeichelei nachgibt, ist es für ihn sehr schwierig, ihrer Knechtschaft zu entkommen.
(Sadhaka Avasta)

38. Wenn man immer im Selbst verweilt, ohne davon abzuweichen und zwischen sich selbst und anderen keinen Unterschied macht, was gibt es dann außer das Selbst? Was macht es aus, was die Leute über einen sagen, ob sie uns preisen oder tadeln? Es ist als ob man sich selbst preisen oder tadeln würde.
(Ramana)

39. Bewahre dir Advaita im Herzen, aber wende es nicht im täglichen Leben an. Selbst wenn du es auf alles anwendest, mein Sohn, solltest du es nicht auf den Guru anwenden.
(Tattvopadesa von Shankara)

40. Ich lege hiermit die Essenz der Lehre des Vedanta dar: Wenn das Ego-Ich stirbt und das ›Ich‹ zum wirklichen Ich, (zum Selbst) wird, bleibt es allein als reine Bewusstheit übrig.
(ein Sanskritvers)



1. Ramana verwendet viele Verse aus dem Yoga Vasishta, ein bedeutendes Werk des Vedanta, das den Dialog des Weisen Vasishta mit dem Prinzen Rama zum Inhalt hat.
2. Der Kalpaka-Baum aus der indischen Mythologie ist ein Wunderbaum, der alle Wünsche, um die man bittet, erfüllt.
3. die vier klassischen Yogaarten: Karma = der Weg des wunschlosen Handelns, Bhakti = der Weg der Hingabe an Gott, Yoga = der Weg der vereinigung und Jnana = der Weg der Erkenntnis.

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Glossar


Advaita
Nicht-Zweiheit
Aham
ich
Aham Sphurana
das Pulsieren des »Ich-Ich«
Ajnana / Ajnani
Unwissenheit / einer der in der Illusion gefangen ist
Atman
das Selbst eines Wesens
Avidya
Unwissenheit
Bhakti / Bhakta
Hingabe an Gott / ein Gott Hingegebener
Brahman
das universelle Selbst, das Absolute
Dvaita
Zweiheit
Jiva
Individuum, Ego
Jivan Mukti
ein Befreiter, der noch im Körper weilt
Jnana
Erkenntnis, Wissen
Jnani
jemand, der das Selbst erkannt hat
Karma
Handeln, Folge des Handelns
Prarabdha
die jetzigen Lebensumstände, die sich aus dem Handeln in früheren Geburten ergeben
Samadhi
Versenkung im Selbst, höchster Zustand der Meditation
Sat-Chit-Ananda
eine Umschreibung von Brahman / Atman als reines Sein (Sat), erkennendes Bewusstsein (Chit) und Seligkeit (Ananda)
Sastras
heilige Hindu-Schriften
Satsang
wörtl.: Umgang mit dem Sein, Umgang mit einem verwirklichten Menschen
Savikalpa Samadhi
Zustand eines vorübergehenden Samadhis
Siddhi
Erlangung (von übernatürlichen Fähigkeiten)
Shakti
Kraft
Sphurana
s. Aham Sphurana
Turiya
der vierte Zustand, der jenseits der drei Zustände von Wachen, Träumen und Tiefschlaf ist und ihnen zugrunde liegt
Vasanas
Tendenzen, Neigungen
Vedanta
Ende und zugleich Erfüllung der Veden, s. a. Advaita