Samstag, 18. Oktober 2008

"Wer bin ich?" - Essay-Version

eine Einführung in die Methode der Selbstergründung s.a.
http://ramana.info.googlepages.com/atmavichara

Ramana Maharshi war erst 21 Jahre alt, als er die Grundlage für das Büchlein ›Nan Yar?‹, ›Wer bin ich?‹ schuf, ohne dass er je die Absicht hatte, ein Buch über seine Lehre zu schreiben. Er wohnte in der Virupaksha-Höhle auf dem Arunachala. Obwohl er in jener Zeit nicht sprach, fühlten die Menschen instinktiv, dass er ein Weiser war und kamen mit ihren spirituellen Fragen und Problemen zu ihm.

Einer von ihnen war Sivaprakasam Pillai, ein Philosoph, der bei einer Finanzbehörde beschäftigt war. In den Büchern, die er studiert hatte, konnte er auf seine existenzielle Frage »Wer bin ich?« keine Antwort finden. 1902 besuchte er den Maharshi auf dem Berg und stellte ihm seine brennenden Fragen. Ramana schrieb die Antworten entweder auf den Boden oder mit Kreide auf Schiefer. Sivaprakasam Pillai schrieb sich die Fragen und Antworten nachträglich aus dem Gedächtnis auf. Seine Sammlung wurde jedoch erst 1923 als Frage-und-Antwort-Version veröffentlicht. Ramana hat wenige Jahre später davon eine Essay-Version verfasst.

›Wer bin ich?‹ gilt als eines der grundlegendsten Werke Ramana Maharshis und enthält die Quintessenz dessen, was er sein Leben lang lehrte. Das Büchlein wurde im Ashram so billig wie möglich verkauft und Neuankömmlingen als erste Lektüre empfohlen, da es eine hervorragende Einführung in die Praxis der Selbstergründung ist.

Dies hier ist eine eigene Übersetzung der Essay-Version, die mit Hilfe eines Freundes aus dem Tamil erarbeitet wurde.

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Ramana Maharshi: "Wer bin ich?": Essay Version

Alle Lebewesen möchten stets glücklich und sorgenfrei sein. Jeder liebt sich selbst am meisten, denn das Glück ist die Ursache der Liebe. Um dieses Glück zu erlangen, das unser Wesen ist und das täglich im Tiefschlaf erfahren wird, in dem kein Geist[1] vorhanden ist, muss man sich selbst erkennen. Hierfür ist die Ergründung »Wer bin ich?« der beste Übungsweg.

Wer bin ich? Ich bin nicht die sieben Bestandteile dieses physischen Körpers.[2] Ich bin nicht die fünf Wahrnehmungsorgane: Ohren, Haut, Augen, Zunge und Nase mit ihren jeweiligen Funktionen von Hören, Tasten, Sehen, Schmecken und Riechen. Ich bin nicht die fünf Tätigkeitsorgane: Mund, Beine, Arme, After und Genitalien mit ihren jeweiligen Funktionen von Sprechen, Fortbewegung, Geben und Nehmen[3], Ausscheidung und sexueller Aktivität. Keiner der fünf bin ich und auch nicht die fünf Lebensenergien mit ihren jeweiligen Funktionen[4]. Ich bin weder der Verstand noch der unbewusste Zustand von Nicht-Wissen[5], in dem es weder Sinnesobjekte noch Aktivitäten des Geistes gibt und in dem nur die latenten Eindrücke (Vasanas) zurückbleiben.

All das bin ich nicht. Wenn man das oben Erwähnte als »Das bin ich ganz und gar nicht!«[6] zurückweist, ist das, was danach als einziges übrig bleibt, das reine Gewahrsein, das ich tatsächlich bin. Dieses reine Gewahrsein ist seinem Wesen nach Sein-Bewusstsein-Seligkeit (Sat-Chit-Ananda).

Wenn der Geist, der die Ursache für alles Wissen und sämtliche Tätigkeiten ist, verebbt, hört die Wahrnehmung der objektiven Welt auf. Solange man ein Seil für eine Schlange hält, kann man das Seil, das die Grundlage der Täuschung ist, nicht erkennen. Solange die Vorstellung einer objektiven Welt besteht, kann sich das wahre Wesen des Selbst nicht zeigen, das der Illusion zugrunde liegt.

Das, was man den »Geist« nennt, ist eine besondere Kraft (Shakti), die dem Selbst innewohnt. Sie bringt sämtliche Gedanken hervor. Wenn wir untersuchen, was übrig bleibt, wenn wir alle Gedanken entfernt haben, werden wir feststellen, dass der Geist kein eigenständiges Ding ist, das aus sich selbst bestehen kann. Folglich sind es die Gedanken, die den Geist bilden.

Unabhängig von den Gedanken existiert auch keine Welt als etwas Eigenständiges. Im Tiefschlaf gibt es keine Gedanken und auch keine Welt. Im Wachen und Träumen dagegen existieren Gedanken und deshalb gibt es auch eine Welt. Genauso wie die Spinne den Faden für ihr Netz aus sich selbst herauszieht und ihn wieder in sich selbst zurückzieht, projiziert der Geist aus sich selbst heraus die Erscheinung der Welt und löst sie wieder in sich auf.

Wenn der Geist aus dem Selbst hervorkommt und sich nach außen richtet, tritt die objektive Welt in Erscheinung. Deshalb zeigt sich das Selbst nicht, wenn die Welt wahrgenommen wird, und wenn das Selbst erstrahlt, zeigt sich die Welt nicht.

Wenn man beständig das Wesen des Geistes erforscht, wird der Geist zu DEM, worauf sich das »Ich« bezieht, und das ist nichts anderes als das Selbst. Der Geist bezieht sich stets auf etwas Materielles und kann nicht aus sich selbst bestehen. Er wird auch der feinstoffliche Körper oder der Jiva (die Seele, das individuelle Selbst) genannt.

Was im Körper als Ich[7] aufsteigt, ist nichts anderes als der Geist. Wenn du untersuchst, wo im Körper sich der Ich-Gedanke zuerst manifestiert, wird offensichtlich, dass es im Herzen[8] geschieht, denn das Herz ist die Geburtsstätte des Geistes. Selbst wenn wir beständig »Ich-Ich« denken, werden wir zu jenem Ort (i. e. dem Herzen) geführt.

Von allen Gedanken, die sich im Geist zeigen, ist der Ich-Gedanke der erste Gedanke. Erst nachdem er aufgetaucht ist, tauchen die anderen Gedanken auf. Erst wenn die erste Person (ich) sich zeigt, können auch die zweite und die dritte Person (du, er, sie, es) in Erscheinung treten. Ohne die erste Person können sie nicht existieren.

Nur durch den Prozess der Erforschung »Wer bin ich?« wird der Geist unterworfen. Der Gedanke »Wer bin ich?« vernichtet alle anderen Gedanken und wird schließlich selbst vernichtet, wie der Stock, mit dem man den Scheiterhaufen umrührt.[9]

Wenn andere Gedanken auftauchen, dann denke den aufsteigenden Gedanken nicht zu Ende, sondern erforsche auf der Stelle: »Wer ist es, dem dieser Gedanke kommt?« Was macht es schon aus, wie viele Gedanken dir kommen? Sobald sich ein Gedanke bildet, erforsche aufmerksam: »Wem kommt dieser Gedanke?« Die Antwort lautet: »mir«. Wenn du weiterforschst: »Wer bin ich?«, kehrt der Geist zu seinem Ursprung zurück und der auftauchende Gedanke verblasst. Wenn du das ausdauernd praktizierst, wächst die Kraft des Geistes, in seiner Quelle zu bleiben.

Wird der subtile Geist durch den Intellekt und die Sinnesorgane nach außen gerichtet, treten Namen und Formen in Erscheinung. Bleibt er aber im Herzen, verschwinden sie. Wenn man dem Geist nicht erlaubt, nach außen zu wandern, und ihn im Herzen zurückhält, spricht man von »nach innen gerichtet sein«. Wird er nach außen gelassen, spricht man von »nach außen gerichtet sein«.

Wenn der Geist auf diese Weise im Herzen verweilt, verschwindet der Gedanke »ich«, der die Ursache aller anderen Gedanken ist. Dann offenbart sich das Selbst, das immerwährend aus sich selbst erstrahlt. Wenn du dem Ich-Gedanken nicht den geringsten Platz einräumst, manifestiert sich deine wahre Natur. Das ist es, was gemeint ist, wenn man von »Schweigen« (Maunam) spricht.

Dieser Zustand des reinen Seins und des Schweigens wird Erkenntnis (Sicht der Weisheit, Jnana Drishti) genannt. Um still zu sein, musst du den Geist völlig im Selbst versenken. Dagegen haben solche Dinge wie Gedankenlesen, Telepathie und Hellsehen mit der Erkenntnis überhaupt nichts zu tun.[10]

In Wahrheit existiert nur das Selbst. Welt, Individuum und Gott sind Vorstellungen im Selbst wie das Silber, das man in einer Perlmuttschale sieht. Alle drei treten gleichzeitig in Erscheinung und verschwinden auch wieder gleichzeitig. Das Selbst ist die Welt, das individuelle Ich und Gott. Alles ist eine Manifestation Shivas, des Selbst.

Es gibt kein besseres Mittel als Vichara, um den Geist (dauerhaft) zur Ruhe zu bringen. Wird der Geist durch andere Methoden unter Kontrolle gebracht, ist er nur scheinbar unterworfen und erhebt sich wieder.

So wird er zum Beispiel durch Atemkontrolle (Pranayama)[11] unterworfen, denn so lange der Atem zurückgehalten wird, ist auch der Geist unter Kontrolle. Doch wenn der Atem wieder frei fließt, wendet sich der Geist durch den Einfluss der Vasanas erneut nach außen und wandert umher.

Denn Geist und Atem haben denselben Ursprung. Es sind die Gedanken, die den Geist bildet. Der Ich-Gedanke ist der erste Gedanke des Geistes. Er ist das Ego (das individuelle Ich-Gefühl, Ahamkara). Vom selben Ort, wo das Ego entspringt, steigt auch der Atem auf. Deshalb ist die Aktivität des Geistes geringer, wenn der Atem zurückgehalten wird und andersherum.

Obwohl die Aktivität des Geistes im Tiefschlaf aufhört, kommt der Atem nicht zum Stillstand. So hat Gott es zum Schutz des Körpers bestimmt, damit ihn die anderen nicht versehentlich für tot halten. Wenn der Geist im Wachzustand und im Samadhi still ist, ist auch der Atem reduziert, denn der Atem ist die grobe Form des Geistes. Bis zum Tod hält der Geist den Atem im Körper. Im Augenblick des Todes bemächtigt er sich seiner und trägt ihn fort. Deshalb ist die Atemkontrolle nur eine Hilfe, um den Geist zu beruhigen, bewirkt aber nicht seine Vernichtung.

Ebenso wie die Atemkontrolle sind auch die Meditation einer Form (eines Götterbildnisses), Mantra-Japa und Regeln fürs Essen Hilfsmittel, um den Geist zu unterwerfen. Durch die Meditation einer Form und durch Mantra-Japa sammelt sich der Geist. Wenn man dem Elefanten, dessen Rüssel immerzu herumfuchtelt, eine Kette zum Festhalten gibt, wird er nach nichts anderem mehr greifen. Ebenso wird der ständig umherwandernde Geist, der sich an einen Namen oder eine Form (Gottes) gewöhnt hat, dies festhalten.

Wenn sich der Geist in unzählige Gedanken zerstreut, wird der einzelne Gedanke sehr schwach und uneffektiv. Wenn die Gedanken mehr und mehr verebben, wird der Geist konzentriert und gewinnt an Stärke. Ein solcher Geist wird leicht Selbstergründung üben.

Von allen Regeln ist die beste, sattvische (reine) Nahrung[12] in mäßiger Menge zu sich zu nehmen. Dadurch werden die sattvischen Eigenschaften des Geistes[13] gestärkt, was für die Selbstergründung (Atma Vichara) hilfreich ist.

Obwohl seit einer Ewigkeit die unzähligen Vasanas (die Neigungen und Eindrücke der weltlichen Objekte) wie die Wellen des Meeres beständig wiederkehren, klingen sie alle mit der zunehmenden Intensität der Meditation über unsere wahre Natur ab. Man sollte nicht den Zweifel hegen: »Ist es möglich, so viele Vasanas auszulöschen, sodass nur noch das Selbst zurückbleibt?«, sondern unnachgiebig an der Meditation über seine wahre Natur festhalten.

Wie sündig ein Mensch auch sein mag, er sollte nicht jammern und klagen: »Ich bin ein Sünder! Wie kann ich Befreiung erlangen?« Wenn er stattdessen den Gedanken aufgibt, ein Sünder zu sein, und beharrlich über seine wahre Natur meditiert, wird er sich bestimmt verändern.

Solange noch Vasanas im Geist sind, ist die Ergründung »Wer bin ich?« nötig. Jedes Mal wenn Gedanken auftauchen, musst du sie - einen nach dem anderen - am Ort ihres Entstehens durch die Ergründung vernichten.

Nichts anderes als seine wahre Natur zu suchen ist Entsagung (Nicht-Anhaftung) und Wunschlosigkeit. Den Halt am Selbst nicht aufzugeben ist Erkenntnis (Jnana). In Wahrheit sind beide dasselbe. Wie der Perlentaucher die Perlen vom Meeresgrund holt, indem er sich Steine um die Taille bindet, um tief hinabzutauchen, so kann jeder die Perle des Selbst erlangen, wenn er durch Entsagung tief in sich selbst hinabtaucht. Es würde schon genügen, wenn man sich ständig an seine wahre Natur erinnert, bis man sie erlangt hat. Solange Feinde in der Festung sind, kommen sie heraus. Wenn wir sie - einen nach dem andern, wie sie sich zeigen - niederschlagen, werden wir die Festung erobern.

Gott und Guru sind in Wahrheit nicht voneinander verschieden. Wie die Beute, die dem Rachen des Tigers zum Opfer gefallen ist, nicht mehr entkommen kann, ebenso (gewiss) wird derjenige, der unter dem gnadenvollen Blick des Gurus steht, gerettet und nie im Stich gelassen werden. Doch er muss auch unerschütterlich dem Pfad folgen, den der Guru ihm gezeigt hat.

Beständig im Selbst zu verweilen und keinem anderen Gedanken Raum zu geben sich zu erheben, außer dem Gedanken an das Selbst, bedeutet sich Gott zu übergeben. Wie groß die Last auch ist, die du Gott auflädst, er wird sie tragen. Da eine göttliche Macht alles kontrolliert was geschieht, warum sollten wir uns nicht ihr überlassen und immerzu denken: »Soll ich es so oder so machen?« Wir wissen doch, dass der Zug alle Lasten trägt. Warum legen wir dann unser kleines Bündel nicht ab, wenn wir eingestiegen sind, und machen es uns bequem, anstatt uns selbst zu quälen, indem wir es weiterhin auf dem Kopf behalten?

Glück ist die Natur des Selbst. Glück und Selbst sind nicht voneinander verschieden, sondern eins und die einzige Wahrheit. Keinem der vielen weltlichen Dinge wohnt Glück inne. Durch unseren Mangel an Unterscheidungsfähigkeit denken wir, dass wir durch die Dinge glücklich werden. Doch im Gegenteil: wenn der Geist sich nach außen wendet, erfährt er Kummer. In Wahrheit ist es so, dass jedes Mal, wenn unsere Wünsche erfüllt werden, der Geist an seinen Ursprungsort zurückkehrt und die Seligkeit des Selbst erfährt. Auf dieselbe Weise wendet sich der Geist nach innen und erfährt die Seligkeit des Selbst, wenn man im Tiefschlaf, in Samadhi oder ohnmächtig ist, wenn man das Gewünschte bekommen hat oder wenn etwas Gefürchtetes ausgeblieben ist. So pendelt der Geist pausenlos hin und her, verlässt das Selbst und wendet sich nach außen, um dann wieder zurückzukommen.

Im Schatten eines Baumes ist es angenehm kühl, draußen in der glühenden Sonne dagegen unerträglich heiß. Ein Mensch, der sich der Sonne ausgesetzt hat, genießt gerne die Kühle des Schattens. Doch nach einer Weile geht er wieder hinaus, kann aber die Hitze nicht ertragen und kehrt erneut in den Schatten des Baumes zurück. So geht er ständig vom Schatten in die Sonne und von der Sonne in den Schatten.

Jemandem, der das tut, mangelt es an Unterscheidungsfähigkeit. Ein weiser Mensch verlässt nie den Schatten. Ebenso wenig verlässt der Geist des Erleuchteten (Jnani) Brahman. Aber der Geist des Unwissenden wandert weiterhin in der Welt umher und erfährt Leid. Dann kehrt er für eine Weile in Brahman zurück und ist glücklich.

Was man »die Welt« nennt, sind nur Gedanken. Ist die Welt verschwunden – d.h. wenn keine Gedanken da sind - erfährt der Geist Glück. Taucht die Welt auf, erfährt er Leid.

Allein durch die Anwesenheit der Sonne, die ohne irgendeinen Wunsch oder eine Absicht zu verfolgen und ohne sich anzustrengen aufgeht, sprüht der Sonnenstein Feuer, blüht der Lotus, verdunstet das Wasser und gehen die Leute ihrer jeweiligen Arbeit nach und ruhen sich danach aus. In der Nähe eines Magneten bewegt sich die Nadel. Ebenso gehen die Individuen, die von den drei göttlichen Funktionen (Entstehung, Erhaltung und Auflösung) regiert werden, nur aufgrund der absichtslosen Kraft der Anwesenheit Gottes ihren jeweiligen Aufgaben nach und ruhen sich dann aus, wie es ihrem Karma entspricht. Doch Gott ist absichtslos. Er wird durch keine Handlung berührt, ebenso wenig wie die weltlichen Handlungen die Sonne berühren und die guten und schlechten Eigenschaften der vier Elemente (Erde, Wasser, Luft und Feuer) den alles durchdringenden Äther.

In allen spirituellen Schriften steht, dass man den Geist kontrollieren muss, um die Befreiung (Mukti) zu erlangen. Hat man einmal verstanden, dass die Schlussfolgerung der Schriften die Vernichtung des Geistes ist, macht es keinen Sinn mehr, sie endlos zu studieren. Um dem Geist Einhalt zu gebieten, muss man erforschen, wer man selbst ist. Wie könnte man das durch Bücher herausfinden?

Man muss sich selbst durch das Auge der Erkenntnis verstehen. Braucht Rama etwa einen Spiegel, um zu wissen, dass er Rama ist? Das Selbst wohnt in den fünf körperlichen Hüllen[14], doch die Bücher sind außerhalb von ihnen. Deshalb ist es nutzlos, unser Selbst durch das Studium von Büchern zu suchen. Man muss es verwirklichen, indem man alle fünf Hüllen zurückweist.

Wenn man durch die Untersuchung: »Wer ist es, der gebunden ist?« seine wahre Natur erkennt, ist das die Befreiung (Mukti). Die Praxis, den Geist zu jeder Zeit im Selbst zu halten, heißt Selbstergründung (Atma Vichara). Meditation (Dhyana) dagegen ist die Kontemplation, dass man selbst Brahman als Sein-Bewusstsein-Seligkeit (Sat-Chit-Ananda) ist.[15] Es wird eine Zeit kommen, da man alles vergessen muss, was man gelernt hat.

Es ist sinnlos, den Kehricht zu untersuchen, den man gesammelt hat, um ihn wegzuwerfen. Ebenso sinnlos ist es für jemanden, der sein Selbst kennen will, all die Tattvas[16], die sein Selbst verschleiern, zu sammeln und zu analysieren, anstatt sie wegzuwerfen. Man sollte die phänomenale Welt lediglich als einen Traum betrachten.

Außer dass der Wachzustand lang und der Traum kurz ist, gibt es keinen Unterschied zwischen den beiden. Wie die Ereignisse im Wachzustand als wirklich erscheinen, erscheinen auch die Traum-Ereignisse als wirklich, während man träumt. Im Traum nimmt der Geist lediglich einen anderen Körper an. In beiden Zuständen, im Wachen und im Träumen, sind gleichzeitig Gedanken, Namen und Formen vorhanden.

Es gibt nicht zweierlei Arten von Geist, einen guten und einen schlechten, sondern es gibt nur einen Geist. Es sind die Neigungen (Vasanas), die von zweierlei Art sind: gut oder schlecht. Wird der Geist von guten Vasanas beeinflusst, nennt man ihn gut, wird er von schlechten Vasanas beeinflusst, nennt man ihn schlecht. Wie schlecht dir andere Menschen auch erscheinen mögen, du solltest sie nicht hassen. Man sollte Vorlieben und Abneigungen (Liebe und Hass) unterlassen. Erlaube dem Geist nicht, zu oft bei weltlichen Dingen zu verweilen. Du solltest dich so wenig wie möglich in die Angelegenheiten anderer Leute einmischen. Alles, was man anderen gibt, gibt man nur sich selbst. Wenn das (allgemein) bekannt wäre, wer würde dann nicht geben?

Wenn sich unser individuelles Ich erhebt, erhebt sich alles andere. Wenn es sich senkt, sinkt auch alles andere. Je demütiger wir sind, desto besser. Wenn der Geist unter Kontrolle ist, was spielt es dann für eine Rolle, wo wir sind?

[1] in Tamil: Manam, der denkende und fühlende Geist, Intellekt, Verstand, Gefühl
[2] Flüssigkeit, Blut, Fleisch, Fett, Mark, Knochen und Samen
[3] die Tätigkeiten, die mit den Armen und Händen ausgeführt werden.
[4]Atmung, Verdauung, Blutzirkulation, Schwitzen, Ausscheidung
[5] wie im Tiefschlaf oder während einer Ohnmacht
[6] Hier wird auf die beliebte verneinende »Neti-Neti«-Praxis (»Ich bin nicht dies, ich bin nicht das«) angespielt.
[7] Dieses Ich ist das kleine Ego-Ich im Unterschied zum großen Ich, das das universelle Selbst ist.
[8] Sri Ramana spricht hier vom spirituellen Herzen, Hridayam.
[9] Mit dem Stock drückt man die Leiche, die sich aufbäumt, nieder, damit sie völlig verbrennen kann. Schließlich verbrennt der Stock selbst.
[10] Hier spricht Ramana von den übernatürlichen Fähigkeiten (Siddhis). Er macht klar, dass sie mit Jnana nichts zu tun haben.
[11] Hier erwähnt Sri Ramana die Yoga-Methode des Pranayama, des Zurückhaltens des Atems.
[12] einfache und nahrhafte vegetarische Ernährung, die den Körper erhält, aber nicht stimuliert [13] ein friedvoller, konzentrierter und klarer Geist mit den Eigenschaften: Reinheit des Herzens, Ausgeglichenheit, Freundlichkeit allen gegenüber, Tapferkeit und Freiheit von Begierden, Hass und Arroganz - i. Ggs. zu den anderen Eigenschaften des Geistes: Tamas (Trägheit) und Rajas (Leidenschaftlichkeit und Ruhelosigkeit)
[14] Die fünf Hüllen (Koshas) in der Lehre des klassischen Advaita-Vedanta: die physische, vitale und mentale Hülle, die Hülle des Wissens und der Erfahrung und die Hülle der Seligkeit (wie im Tiefschlaf). In der »Neti-Neti«-Praxis werden diese fünf Hüllen als Nicht-Ich abgelegt, wie am Anfang beschrieben.
[15] Die Zusicherung, dass man Brahman ist (»Ich bin Brahman« etc.), ist das Gegenstück zur »Neti-Neti«-Praxis. Beide Methoden benötigen ein ausführendes Ich.
[16] Die Tattvas sind die Elemente, aus der die phänomenale und geistige Welt besteht. Sie werden in der indischen Philosophie vom subtilen Geist bis zur Materie klassifiziert. Es gibt davon bis zu 96 Klassifizierungen, die teils sehr kompliziert sind, je nach Schule.



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Glossar

Atma Vichara
Suche nach dem Selbst (i. e. nach der Wurzel des Egos), Selbstergründung, Selbsterforschung
Atma/Atman
(urspr. Lebenshauch, Atem) hat zwei Bedeutungen:
als unsterbliches inneres Prinzip des Menschen ist es identisch mit Brahman. Es steht aber auch für das individuelle Ich.
Dhyana
Meditation (eines Objektes)
Brahman
die Wurzel brh bedeutet Stärke, Intensität, Urgrund des allgemeinen Seins, das Wesentliche in allen Dingen, das Absolute ohne greifbare Gestalt. Brahman und Atman sind letztlich eins. Das Absolute ist Sat-Chit-Ananda (Sein-Bewusstsein-Seligkeit).
Hrydaya
wörtl.: »das ist das Zentrum«; das spirituelle Herz auf der rechten Seite der Brust
Japa
Flüstern, gemurmeltes Gebet; v. a. das unablässige Wiederholen eines Gottesnamens oder Mantras, um den Geist zu beruhigen und zu fixieren
Jnana
Erkenntnis, Wissen
Jnana Drishdi
Die Erkenntnis oder das Sehen der Weisheit bedeutet nicht ein objektives Erkennen, sondern der Zustand des reinen Seins.
Jnani
einer, der das Ziel des Jnana-Yoga, nämlich die Verwirklichung durch Erkenntnis erlangt hat
Karma
Handeln, Folgen des Handelns, Gesetz ausgleichender Gerechtigkeit. Die Folgen der guten und schlechten Taten müssen in diesem oder einem anderen Leben getragen werden. Auch i. S. von selbstlosem Handeln.
Mantra
eine kurze Formel aus den heiligen Schriften, ein Wort oder nur eine Silbe. Das Mantra wird ständig wiederholt (s. a. Japa).
Mukti
Befreiung, Erlösung aus dem Kreislauf von Geburt, Tod und Wiederverkörperung
Pranayama
Yoga-Methode der Atemkontrolle. Ramana rät, lediglich den Atem zu beobachten.
Samadhi
Versenkung; hier i. S. von Versenkung, in der man sich des Körpers und der Welt nicht mehr bewusst ist
Vasanas
alles, was unbewusst im Geist ist: Neigungen, Wünsche, Eindrücke, Gedanken-Konzepte, Angewohnheiten usf.
Vichara
Suche, Erforschung; hier i. S. von Atma Vichara, Erforschung des Selbst (Ego-Ichs)
Yoga
Einheit mit Brahman; Übungsmethode

Samstag, 14. Juni 2008

Der einzigartige Buchstabe

Akshara ist ein einzigartiger Buchstabe. Du willst ernsthaft, dass ich ihn in dieses Buch schreibe. Da dieser einzigartige Buchstabe beständig als das Selbst im Herzen erstrahlt, wer könnte ihn da niederschreiben?][1]

[1] Übers. aus „Collected Works“, S. 149

Die Geschichte zu diesem Vers, s. Nagamma, Brief 61
http://surinagamma.blogspot.com/2008/02/62-der-eine-buchstabe-und-das.html

Dienstag, 13. Mai 2008

Geburtstag


Diese beiden Verse schrieb Sri Ramana zum Anlass seiner ersten Geburtstagsfeier, vermutlich 1912.
Die Geschichte findet sich unter:
http://surinagamma.blogspot.com/2008/05/97-brief-geburt.html

1. Ihr, die ihr Geburtstag feiern wollt, findet zuerst heraus, wer es ist, der geboren wurde. Unser wahrer Geburtstag ist der Tag, an dem wir in unser ewiges Sein eintreten, das weder Geburt noch Tod erreichen kann.

2. Besonders an den jährlichen Geburtstagen sollten wir beklagen, dass wir diesen Körper bekommen haben und in diese Welt geraten sind. Stattdessen feiern wir dieses Ereignis als ein Fest. Sich darüber zu freuen ist, als würde man einen Leichnam schmücken. Die Weisheit besteht darin, das Selbst zu erkennen und darin aufzugehen.

Montag, 12. Mai 2008

Fünf Verse über das Selbst


Die Fünf Verse über das Selbst ist das letzte Gedicht,
das Sri Ramana 1947 geschrieben hat. Es entstand auf Veranlassung
von Suri Nagamma (s. Brief vom 20.02.1947):
http://surinagamma.blogspot.com/2008/05/96-brief-die-entstehung-der-fnf-verse.html

1. Wenn man das Selbst vergisst und glaubt,
dass man der Körper ist, durch unzählige Geburten geht
und sich schließlich erinnert und das Selbst wird,
so ist es wie das Erwachen aus einem Traum,
in dem man um die ganze Welt gewandert ist.

2. Man ist immer das Selbst.
Wenn man sich fragt: ‚Wer bin ich und wo bin ich?’,
ist es wie wenn ein Betrunkener fragt „Wer und wo bin ich?“

3. Der Körper ist im Selbst.
Und doch denken wir, dass wir in diesem trägen Körper sind,
wie ein Zuschauer, der annimmt, dass die Leinwand,
auf die das Bild geworfen wird, im Bild ist.

4. Kann ein goldenes Schmuckstück ohne das Gold existieren?
Kann der Körper unabhängig vom Selbst existieren?
Der Unwissende glaubt: „Ich bin der Körper“,
während der Erleuchtete weiß: „Ich bin das Selbst“.

5. Das Selbst allein ist die einzige Wirklichkeit
und existiert für immer.
Wenn der erste Lehrer in alten Zeiten [Dakshinamurti]
es in ununterbrochenem Schweigen enthüllt hat,
sag, wer könnte es dann in Worten enthüllen?

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Übers. aus Collected Works, 2004 S. 130f